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von der Lavinium, unſer Lauingen, genannt wurde, mit jener identiſch iſt. ¹) Preller, römiſche Myth. 676 und ſonſt.
Eine dem Deutſchen beſonders nahe ſtehende Form dieſer Wurzel findet ſich außer den in der Anmerkennung erwähnten Vogelnamen im Neuperſiſchen. Loôra heißt 1. Bach, 2. Käſe (friſcher), 3. Oel, offenbar wegen des Wurzelbegriffs„weiß, glänzend“.
Nun gibt es in Deutſchland eine ganze Menge Bäche Lor, auch ohne beſtimmte Beziehung zur Göttin, und es würden ſich dieſe Bachnamen zu dem Namen der himmliſchen Waßerfrau ver⸗ halten, wie das indiſche ap, lat. aqua, deutſch à(Ach), ouwa(Au), Af(z. B. Waldaff) zu den Elben, den weißen(albus) Wolken⸗ und Waßerweſen.²)— Kuhn, Zeitſchr. f. Sprachf. IV, 81.
Lora bedeutet alſo die weiße Frau, Perahta, Aeuo?ex, wie die deutſche und griechiſche Göttin ſonſt genannt wird.— Kuhn, Zeitſchr. I, 194.
Iſt nun der Inhalt unſerer rheiniſchen Lorenſagen der der Holdamythen,) ſo kann in der Sache kein Grund zu Zweifeln an der Aechtheit des oben Mitgetheilten liegen, und wenn gegen die Bearbeitung von Brentano deſſen eigne Ausſage geltend gemacht wird, ſo folgt nun aus den davon unabhängigen, zum Theil,(d. h. zu einem Theil, der das Ganze weſentlich enthält) auch äußerlich als ächt bezeugten oder doch keinen Grund zum Zweifel bietenden Darſtellungen vielmehr nur, daß Brentano entweder aus der Volksüberlieferung geſchöpft oder merkwürdiger Weiſe mit ihr übereinſtimmend erdichtet haben muß. Was wahrſcheinlicher, iſt wol nicht zweifelhaft.—
Ich ſehe alſo in unſerm Lorenſagen eine mythiſche Darſtellung der großen, zunächſt athmo⸗ ſphäriſchen Naturerſcheinungen in ihrem jährlichen, täglichen oder auch ohne beſtimmte Zeit eintretenden Wechſel von Finſterniß und Licht, Tod und Leben.— Natürlich tragen die locali⸗ ſirten Mythen immer das Gepräge der Oertlichkeit, deren von der kindlichen Phantaſie des Volkes geſchaffenes Spiegelbild ſie ſind. Und ſo mögen unſre Sagen etwa aus folgenden Natur⸗ anſchauungen entſtanden ſein.
Auf der Lorelei hauſen die Wolken. Lagern ſie da, trüb und regenſchwer, vom Dunkel umhüllt und ſelber die Sonne verhüllend, und du ſiehſt dich eingeſchloßen von den düſtern, kahlen Felſen mit dem ſpärlichen Grün, zwiſchen denen tief unten der Rhein dumpf brauſend dahinzieht, und gewahrſt keinen Ausgang, ſo liegt ein tiefes Weh auf der ganzen Landſchaft, du hörſt nur im Windesſeufzen die Jammertöne verlorner Liebesklage und meinſt dich abgeſchieden aus dem Lande der Lebendigen, in das keine Rückkehr mehr möglich.— Oder ein ſtärkerer Wind be⸗ wegt die leichteren, weißen Wolken auf dem Gipfel und treibt ſie drehend bald hinunter in den engen Felſenkeßel, bald hinauf in die Himmelshöhe; dann glaubſt du tanzende Jungfrauen zu
¹) Der berühmte Wallfahrtsort Loretto mit dem Haus der Madonna an der Stelle eines Waldes iſt ge⸗ wiß aus einem Lauretum(in der doppelten Bedeutung des alten Laurentum) und aus Laura oder Lara, wie ſonſt aus Holda, Maria geworden. Wenigſtens gibt es eine Sage, eine fromme Jungfrau Laurita habe den ihr gehörenden Wald, wohin das Haus der Maria geſtellt wurde, zu dieſem Zwecke geſchenkt.— Iſelin, hiſtoriſches Wörter⸗ buch s. v.—
²) Ich glaube, daß ap und albus dieſelbe Wurzel ſind und weiß, glänzend der Grundbegriff iſt.— So heißt im Neuperſiſchen ab ru, eig. Waßer des Geſichtes ſo viel, als Glanz, Chre. ³) Daß dieß durchaus der Fall, werde ich nachweiſen.


