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Woher nun das Verlangen nach ſtaatsbürgerlichem Unterricht d Zunächſt aus dem Bedürfnis des praktiſchen Lebens. Verwaltung, Recht und Sozialwiſſenſchaft greifen heute ganz anders ins bürgerliche Leben ein als früher. Der Staat und ſeine Einrichtungen laſſen dem Bürger nicht mehr die behagliche Ruhe, deren er ſich früher erfreute, ſondern ſtellen erhöhte Anforderungen an ſein Wiſſen und Wollen; und unſer Bürgerſtand iſt geſund und tüchtig genug, dem entgegenzukommen; wenn er dabei wünſcht, daß die Schule ihre Zöglinge für dieſe Forderungen auch vorbereite und vorbilde, ſo iſt dieſer Wunſch gewiß nicht unbeſcheiden.
Und es ſind nicht einmal bloße Mützlichkeitserwägungen, die dazu drängen, etwas anderes wirkt mit: das wachſende Verſtändnis für den Staat, für ſeine Aufgaben, ſeine Bedeutung. Von der kosmopolitiſchen Gleichgültigkeit gegen Nation und nationale Aufgaben ſind wir längſt abgekommen; wir ſind durch das öffentliche Leben für das öffentliche Leben erzogen worden. Weite Volkskreiſe, die ſich früher um Staat und ſtaatliche Verwaltung nicht kümmerten und froh waren, wenn man ſie in Ruhe ließ, ſuchen heute Betätigung und Sinfluß im politiſchen Leben.
Staat und ſtaatliche Einrichtungen kennen zu lernen iſt nicht nur Bedürfnis des praktiſchen Lebens, ſondern erſcheint dem Gebildeten auch als ein des Wiſſens und des Studiums würdiger Gegenſtand. Und das iſt ein Fortſchritt. In der Ausgeſtaltung des Staates, ſeiner Ge⸗ ſetze, ſeiner Organe iſt eine Unſumme geiſtiger Arbeit niedergelegt, Preſſe und Parlamentsverhandlungen legen hierfür Zeugnis ab. Solche aufgeſpeicherte Kraft und Arbeit kann aber wieder in Kraft und Arbeit umgeſetzt werden, kann geiſtige Bewegung erzeugen. Von hier aus erhalten wir eine ganz neue Handhabe zur Einführung der Bürger⸗ kunde in den Unterricht; die Bürgerkunde ſoll als Ferment, als Erreger geiſtiger Tätigkeit wirken. Sie kann es; das Waſſer, das als Regen in den Boden eindringt, kommt als Quelle irgendwo wieder zutage, die treibenden Ideen und Kräfte, die die ſtaatlichen Sinrichtungen ſchufen, den Schülern dargelegt, werden in ihnen ſelbſt wieder bewegende Kräfte.
Damit habe ich auch edent in welchem Sinne und Umfang Bürgerkunde getrieben werden foll. Nicht auf die Menge der Einzel⸗ heiten kommt es an; das pener zu einer Neubelaſtung des Gedächt⸗ niſſes führen; die Sinzelheiten mögen erwähnt werden, zu zeigen, wie die Ideen ſich auswirken, die Hauptſache ſind die Ideen. Bei der Arbeiterverſicherung z. B. die Einſicht in die gegen früher veränderten


