Aufsatz 
Einfluß des französischen Rittertums und des Amadis von Gallien auf die deutsche Kultur
Entstehung
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Einfluß des französischen Rittertums und des Amadis von Gallien auf die deutsche Kultur.

Von

Professor Wilhelm Seibt.

Djie beiden Hauptträger der Bildung und Gesittung im frühen Mittelalter, über welchen als weltbewegende Macht die Kirche stand, sind nicht germanischen Ursprungs. Das Mönchstum, in dessen stillen Klosterzellen die Wissenschaften und Künste zur Zeit der Barbarei ihre Zufluchtsstätten fanden, und welches der Lehrer und Erzieher der Völker war, stammt aus der thebaischen Wüste. Der Träger feinerer in ihrer Ausbildung wesentlich höfischer Sitte, das Rittertum, ist normännisch-französischen und provençalischen Ursprungs. Es entwickelte sich durch die Absonderung derer, welche, entweder durch eigenen Besitz oder durch Lehen hinlänglich vermögend, zu Rosse Kriegsdienste thaten, zu einem be- sonderen, bevorzugten Stande. Die Ritterwürde war nicht erblich wie der Adel, sondern mußte persönlich erworben werden.

Im Süden Ruropas hatten die Sarazenen elegantere Sitten und vorgeschrittene Bildung ver- breitet. In Frankreich waren es nicht bloß die Provençalen, welche sich durch verfeinerte Lebeus- weise auszeichneten; der Chronist Wilhelm von Malmesbury gibt ganz besonders dieses Lob den Nor- mannen im Gegensatz zu den zuchtlos und roh gewordenen Angelsachsen*). Freilich beschuldigt er auch die Normannen der Streitsucht, des Ehrgeizes, Neides, der Bedrückung der Unterthanen, der Arglist. der Erkaufung Bestechlicher, der eigenen Bestechlichkeit und der Treulosigkeit. Durch die Eroberung Englands durch die Normannen, durch die Gründung normännischer Fürstentümer im südlichen Italien und Sicilien gewann das Ritterwesen größzere Ausdehnung; in Navarra, Katalonien, Aragon und Kastilien entwickelte sich dasselbe ühnlich wie in Frankreich; französische und englische Ritter leisteten den Spaniern Hilfe im Kampf gegen die Mauren. Raimund, Graf von Toulouse, und Heinrich, Graf von Besangon, vierter Sohn des Capetingischen Herzogs Robert I. von Burgund, kümpften unter den Fahnen AIfons' IV. Heinrich erhielt 1094 mit der Hand der Prinzessin Thareja, der Tochter des Königs Alfons, die eroberten Provinzen Entre Minho e Douro, Traz os Montes und einen Teil von Beira als Lehen, 1109 als erbliche Herrschaft und wurde nach dem Sieg bei Qurique zum König von Portugal ausgerufen. Infolgedessen stand das ganze romanische Europa unter dem Einfluß des französischen Ritterwesens.

Die Jahresfeier der Wiedereroberung des heiligen Kreuzes von den Persern(14. September 628), in deren Hände dieses 616 gefallen war, durch den Kaiser Heraklius, und die Wiederaufrichtung des

¹) Vergl. Leos Universalgesch. II, S. 160 ff. Guilielmus Malmesburiensis de gestis regum Anglorum I. III sagt von den Angelsachsen, nachdem er ihre brutale Genußsucht und ihre kleinen, schlecht gebauten Häuser ge- schildert hat, sie seien»Francis et Normannis absimiles, qui amplis et superbis aedificiis modicas expensas agunt.« Er schildert hierauf die Normannen:»Porro Normanni erant tunc et sunt adhuc vestibus ad invidiam culti, cibis ultra ullam nimietatem delicati. Gens militiae assueta et sine bello pene vivere nescia, in hostem impigre procurrere, et ubi vires non successissent, non minus dolo et pecunia corrumpere. Domi ingentia aedificia moderatos sumtus moliri, paribus invidere, superiores praetergredi velle; subjectos ipsi vellicantes ab alienis tutari: Dominis fideles, moxque levi offensa infideles. Cum facto ponderare perfidiam, cum nummo mutare sententiam. Caeterum omnium gentium benignissimi advenas aequali secum honore colunt; matrimonia quoque cum subditis jungunt; religionis normam in Anglia usquequaque emortuam adventu suo suscitarunt.«