III. Westfälische Gasthöfe im 16. Jahrhundert.
Die Schilderung der französischen und der deutschen Gasthöfe im 16. Jahrhundert, welche Erasmus von Rotterdam in seinem berühmten Werke„Colloquia“ gibt, ist durch mehr oder weniger gute Verdeutschungen allgemeiner bekannt geworden. Sie wird bestätigt durch einen Brief des Justus Lipsius an den Arzt Johannes Heurnius, datiert Emden, den 15. Oe- tober 1586, namentlich in Hinsicht auf die Gasthöfe in Westfalen. Dieser Brief befindet sich nur in der selten gewordenen Sammlung: Justi LipsI Epistolarum(quae in Centuriis non extant) Decades XIIX, denn er wurde in allen übrigen Briefsammlungen des Lipsius weggelassen, weil er die erbittertsten Entgegnungen von Seiten deutscher Patrioten, namentlich Hermann Hamel- manns und Johann Domans, erfahren hatte.
Der Brief lautet folgendermaſsen:
Ich lebe noch, mein Heurnius, worüber ihr Xrzte euch wundern möget; denn was einst kein Cyniker oder Stoiker, das habe ich auf meiner Reise in Westfalen erduldet. Alle menschlichen Leiden, von der Luft, vom Wasser, von den Speisen herrührend, plagten mich. Fortwährender Wind und Regen; nicht einmal barbarische, sondern kaum menschliche Speisen. Du kennst meine schwache Gesundheit; du weilst, daſs ich sie hauptsächlich durch die Wahl der Gerichte stärken mufs. Nun wird einem aber in den Gasthäusern(ich will sie so nennen, obgleich sie in Wahrheit Ställe oder Schweinekoben sind) beim ersten Erscheinen ein Becher übel riechen- den oder dünnen Bieres aufgedrungen, das, kurz zuvor gebraut, oft noch warm ist. Das darf man ja nicht zurückweisen, wenn man nicht hinausgejagt werden will. Das war eine kleine Erfrischung, und bei dem Feuer mufste ich mit einigen Fuhrleuten oder Schweinehirten das- selbe Getränke öfters hinuntergieſsen, indem die Hand mit feierlicher Zierlichkeit zu jedem Trunke ausgestreckt wurde. Unterdessen wurde der Tisch gedeckt(von den Tischtüchern will ich nicht reden, verstehst du), und schon trachtete mein Hunger begierig nach Speise: aber ach! der erste Gang bestand aus dickem, rohem Speck. 0 weh, mein Magen! Was sollte ich thun? Etwas anderes zu fordern ist ein Verbrechen. Ich sehe daher schweigend zu und breche mir einige Stückchen Brot ab. Aber was für Brot! wenn du dessen Farbe, Gewicht, kurz sein ganzes Aussehen betrachten könntest, du würdest, ich schwöre darauf, dieses Brot verwünschen. Schwarz, schwer, sauer ist es, und in Laibe, vier, ja fast fünf Fuſs lang geformt, welche ich nicht heben könnte. Plinius fällt mir dabei ein, welcher von diesem oder einem benachbarten Volke schreibt: Jenes elende Volk, welches seine Erde(Torf) brennt; ich könnte mit mehr Wahrheit sagen: welches Erde iſst.
Aber siehe! da kommt eine andere Tracht. Nach langem Warten erscheint das Haupt- gericht der Mahlzeit, eine groſse Schüssel voll zerschnittenen Kohles, welcher mit Schweine- schmalz übergossen ist, daſs es sogar einen Finger hoch darüber steht. Diese Ambrosia essen nicht meine Westfalen, sondern verschlingen sie. Aber ich? Mir wird übel, und ich hungere. Zuletzt hole ich aus meiner Tasche einige Rosinen, welche ich langsam zum Brot genielse.


