Aufsatz 
Notizen zur Culturgeschichte der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts : mit besonderer Beziehung auf Frankfurt a. M. / von Wilhelm Seibt
Entstehung
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Trésor de tous les liures d'Amadis de Gaule, contenant les harangues, épistres, concions, lettres missiues, et autres choses plus excellentes, pour instruire la jeune noblesse à l'élo- quence, grâce, vertu et générosité. Lyon, Huguetan, 1582.

Auch die Deutſchen blieben nicht mit einer Überſetzung zurück, die mehrere Auflagen erlebte:

Schatzkammer Schöner, zierlicher Orationen, Sendbriefen, Geſprächen, Vorträgen, Vermahnungen, vnd dergleichen. Auß den vier vnd zwentzig Büchern des Amadis von Franckreich gezogen. Vnd allen derſelben Liebhabern, vnd ſonderlich allen denen ſo ſich Teutſcher Sprach Lieblichkeit vnd Zierd befleiſſigen zu gutem in Truck gegeben. Mit Röm. Key. May. Freyheit. Getruckt zu Straßburg, inn Verlegung Lazari Zetzners. 1597(Erſte Ausgabe). Daß eine geſuchte, überzierliche Ausdrucksweiſe ſchon theilweiſe im Buch der Liebe ſich geltend macht, möge folgende Stelle aus der längeren Rede, welche Iſolde nach dem Genuſſe des Zaubertrankes hält, darthun:

O Cupido, hab ich dein gebott je vbergangen, oder hab ich arme Iſalde je etwas gethan, das ich ſolt vermitten haben, das haſtu nun wol an mir gerochen! Wo du mir nicht Gnad beweiſeſt, ſo zerbricht mein Hertz, vnd muß von dein ſchulden ſterben. Darumb bitt ich, ſtell ab deine vngnad, onnd milter mir ein theil der groſſen not, die doch gantz vnleidlich iſt, daß ich nicht ſo gar erbärm⸗ lich vnd ſehnlich ſterb. Ich glaub, daß du nicht allen Frawen ſo vngnädig ſeyeſt, als mir. Womit hab ich dich nur erzürnet, daß du mich ſo peinigeſt vnd ängſtigeſt, Das ſo mir vor nie kund war, machſt du mir nun ſo kündig, daß ich witz vnnd ſinn, Leib vnnd Leben dadurch verlieren muß. Du haſt mich deinem gewalt ſo gar vuterworffen, daß ich nichts anderſt beger, denn du willt. Jetzt würd ich kalt als ein Eiß, vnd wil ſo erfrieren, Jetzt würd ich brinnen als ein Feuwer, vnnd dringet mir der Schweiß durch alle meine Glieder. Ach, was wunderlicher ſitten haſtu mich in kurtzer zeit gelehrt! Du haſt ſo ſchwere Laſt auff mich geladen, daran ein gantzer Berg gnug zu tragen hett.

Wie weit entfernen ſich dieſe bombaſtiſch ſentimentalen Phraſen von der einfach dichteriſchen Sprache Gottfrieds von Straßburg! Mit überraſchend tiefer Seelenkunde ſchildert er die Wirkung des Minnetrankes und läßt Iſolde ihr Bekenntnis in ein feinſinniges Räthſel hüllen:

Der Minnen vederspil Isôt,

lameir sprach sidaz ist min nôt, lameir daz swæret mir den muot, lameir ist daz mir leide tuot.

Auch eine Probe aus dem erſten Buche des Amadis*) möge das Geſagte beſtätigen. Folgende Worte richtet die Prinzeſſin Oriana an Amadis:

Ach geliebter Herr, was angſt vnd kummer hat vns vergangner tagen der verrähter verurſacht, welcher vns Ewr Lieb Tödtlichen abgang hie jhnen verkündiget, darumb ich auch in der gröſten gefahr meines lebens geweſt. Vnnd zwar nicht ohne vrſach, dann keinem Frawenbildt jhe ſolcher verluſt widerfahren, welcher mir zu handt geſtoſſen were, wo ich Eur L. verloren. Unnd zugleich wie ich von E. L. zum hertzlichſten vnd höchſten geliebt werde, ſo iſt mir darzu das glück ſo günſtig geweſt, daß es gewölt, daß mich der vnd ein ſolcher liebe, welcher Hochgeachter vnd Weitberümpter iſt, denn kein ander, ſo leben mag.

*) Die 24 Bücher des Amadis ſind von verſchiedenen Verlegern herausgegeben worden, die Familie Feyerabend iſt vielfach dabei betheiligt; eine Geſammtausgabe des Amadis erſchien Frankfurt, Feyerabend, 1594 ff. 24 Bde. 8. Vergl. die Anmerkungen in Keller's Amadis, 1. Buch. Stuttgart. Litterar. Verein. 1857.