Notizen zur Culturgeſchichte der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, mit beſonderer Beziehung auf Frankfurt a. M.
Von Wilhelm Seibt.
Der geiſtige Kampf der Reformation war zu einer Entſcheidung auf blutigem Schlachtfelde gelangt. Nach dem für die Proteſtanten unglücklichen Ausgange des Schmalkaldiſchen Krieges ward jedoch Karl V. 1552 zu dem Paſſauer Vertrage gezwungen, welcher 1555 durch den Religions⸗ frieden zu Augsburg ſeine Beſtätigung fand, und Karl V. zog ſich 1556 in das Kloſter Juſte*) zurück. Unter Ferdinand I. ſchien nunmehr ein Ausgleich mit der katholiſchen Kirche möglich. Namentlich in den letzten Jahren ſeiner Regierung neigte ſich dieſer Regent den Proteſtanten zu. Auch ſein Nachfolger Maximilian II. bethätigte denſelben Geiſt der Milde und Verſöhnung und erweiterte noch die ſchon von ſeinem Vorgänger gewährte freie Religionsübung in den öſterreichiſchen Erblanden. Unter Rudolf II. begann ſeit 1576, von den Jeſuiten geleitet, eine Reaction, welche mit Gewaltthaten gegen die Proteſtanten vorſchritt, der aber für eine Zeit ein Hemmſchuh durch den Wiener Frieden(1606) angelegt wurde. Für Ungarn und Siebenbürgen wurden die Augsburgiſche und die helvetiſche Confeſſion wieder in ihre Rechte eingeſetzt. Auch die evangeliſchen Stände von Oeſterreich erlangten wieder die freie Uebung ihrer Confeſſion, und die Böhmen errangen den Majeſtätsbrief, wodurch ſie den Katholiken gleichgeſtellt wurden.
Für Frankfurt war die erſte Hälfte des 16. Jahrhunderts eine ſo ſtürmiſche Zeit wie für das ganze Reich. Auch in unſerer Stadt entbrannte bald der Kampf der Reformation. Von den Angriffen gegen die katholiſche Kirche von der Kanzel herab und von dem Federkriege kam es bald zu thätlichen Ausſchreitungen und zum Aufruhr. Die Bürger bewaffneten ſich und drangen dem Rathe die Reformation der Stifter und Klöſter, die Abſchaffung verſchiedener Misbräuche und die Gewährung größerer Freiheiten ab. Als jedoch die Flammen des Bauernkriegs durch das unter den
*) Dieſes Kloſter wird immer noch unrichtig St. Juſt genannt. Es hat, wie William H. Prescott in ſeinem „Kloſterleben Karls V.“ S. 2 und 3 nachgewieſen hat, ſeinen Namen nicht von dem heiligen Juſtus, ſondern von einem Bache„Yuſte“, welcher in den nahen Hügeln entſpringt.


