Idee des Guten zuzuſchreiben, müßte ein Nonsens heißen, weil eine Perſpektive unendlicher Reihen damit aufgeſchloſſen wäre.
Auch die vierte Möglichkeit: daß beide, Gott und die Idee des Guten, ob zwar real verſchieden, doch als unmittelbare Urſachen nebeneinander zu Einem Reſultat zuſammenwirken, läßt der von uns verfochtene Standpunkt nicht zu: denn wir leugnen die Vereinigung beider Größen in Platons Geiſte nicht, glauben vielmehr, daß ſie ſich in demſelben, wo es ſich eben um das wiſſenſchaftliche Verſtändnis ihrer Eigenſchaften handelte, zu einer einzigen Realität ver⸗ bunden haben. Damit iſt nicht ausgeſchloſſen, daß er ſich das eine Mal in theoretiſchen Werken (cf. rep. VI, VII) des wiſſenſchaftlicheren Ausdrucks: Idee des Guten, und an anderer Stelle, wo es praktiſche Zwecke zu verfolgen galt, des populären Gottesnamens bedienen mochte.(log. X).
Die Behauptung, daß Platon ſelbſt gerade durch ſein Stillſchweigen die Identität ent⸗ ſchieden habe, muß uns hinfällig erſcheinen, ſobald wir in ſeiner Vorſtellung das oben formulierte Verhältnis ſich bilden ſahen.
Dies Verhältnis bringt keinerlei Störung in den platoniſchen Idealismus hinein. Wir ſehen es nun vollkommen: es hieße in Wahrheit dem Geiſtesahnen Kants, dem Heros des Denkens, dem Wiſſenſchaft das erſte und letzte Bedürfnis war*) und in deſſen Seele jene wundervolle helleniſche Harmonie ihren erhabenſten Ausklang fand, mit Unehren begegnen, wollten wir ſeine Gedankenwelt zerreißen“*) und die eine Hälfte zum Tempel ſeiner reliöſen Empfindungen, die andere zum Gefäß ſeiner philoſophiſch⸗irreligiöſen Spekulation herrichten. Dazu haben wir auf Grund der vorliegenden Urkunden kein Recht, und wir wollen von Kant, der über die Jahrhunderte hinweg in der Grundfrage wie in dem Hauptergebnis ſeinen Zuſammenhang mit Platon als dem „Ahnherrn der intellektuellen Anſchauungen“, dem früheſten Urheber des tranſcendentalen Idealis⸗ mus, geſucht und angezeigt hat— von Kant wollen wir es lernen, dem hohen Geiſte zu folgen, zu dem er ſelbſt ſich bekannt hat.
Kant bedeutet die Gottesidee das Ideal der Vernunft.„Was uns ein Ideal iſt“, ſagte er,(Kr. d. r. V. Kehrbachſche Ausg. p. 452),„war dem Platon eine Idee des göttlichen Ver⸗ ſtandes, ein einzelner Gegenſtand in der reinen Anſchauung desſelben, das Vollkommenſte einer jeden Art möglicher Weſen und der Urgrund aller Nachbilder in der Erſcheinung“, die Annahme eines perſönlichen Gottes aber, das Ideal alſo oder die Idee in individuo, iſt ihm nur ein Verſuch und der Gedanke,„daß alle Realität objektiv gegeben ſei und ſelbſt ein Ding ausmache“, „eine bloße Erdichtung“.
Die durchgängige Beſtimmung der Dinge geſchieht durch die Idee; das Ideal aber berechtigt nicht zu den Folgerungen, die jene beeinfluſſen könnten. Aber es iſt an die„Spitze der Möglichkeit aller Dinge“ geſetzt und giebt zu deren durchgängigen Beſtimmungen, wie ſie durch Ideen ſtattfindet, die realen Bedingungen her. Zuerſt wird es realiſiert, dann hypoſtaſiert, dann perſonificiert, weil die regulative Einheit der Erfahrung... in einer Intelligenz zu liegen ſcheint“.
*) Der aber nicht blos ein blos ein„Führer der Menſchheit“ im Sittlichen war und von dem Stagiriten ſo weit übertroffen,„daß er neben ihm nicht zählt“.(!) Krohn, der platon. Staat. p. 247. en) Zeller, die Philoſophie der Griech. II. Aufl. B. II. p. 453 ff. 606 ff.


