Über das Verhältnis der Platoniſchen Idee des Guten zur Gottesidee.
—..—
Platons Philoſophie gipfelt in der Ideenlehre, dem weſentlichſten und wichtigſten Teile ſeines Syſtems. Da dieſes aber zugleich von dem Gedanken eines überweltlichen Gottes durch⸗ drungen iſt, ſo entſteht die Frage, ob dieſer Gottesgedanke oder das, was in jener Ideenlehre als Höchſtes ſich darbietet: die Idee des Guten, wirklich für Platon das Höchſte geweſen ſei oder ob in ſeinem Bewußtſein eine Verſchmelzung beider ſtattgefunden habe. Seit Platons Tagen bis auf unſere Zeit iſt dieſe Frage Gegenſtand philoſophiſch⸗kritiſcher Unterſuchung geweſen und ſo⸗ wohl die Entſcheidung für als die gegen die Identität der Gottesidee mit der Idee des Guten von den namhafteſten Philoſophen vertreten worden. Es iſt hier nicht der Ort, im einzelnen Kritik zu üben; ſoviel jedenfalls ſteht feſt, daß die Entſcheidung unſerer Frage weſentlich bedingt iſt von der Auffaſſung der Platoniſchen„Idee“ und daß alle Reſultate, welche auf einem Miß⸗ verſtändnis der Bedeutung von Platons Ideenlehre beruhen, ſich von ſelbſt richten. Wollen wir alſo den Verſuch einer Löſung der geſtellten Aufgabe unternehmen, ſo wird es in erſter Linie darauf ankommen, ein Verſtändnis von dem Urſprung und Weſen der Idee aus Platons Werken (— wir benntzen beſonders die 4 letzten großen Dialoge, hier wie überhaupt in der ganzen Ent⸗ wickelung unſerer Darlegung—) zu gewinnen und ihre Bedeutung klar zu legen. Eine geſchicht⸗ liche Reconſtruktion der Ideenlehre freilich müſſen wir uns, um der Gefahr einer längeren Ab⸗ ſchweifung von unſerer Aufgabe zu entgehen, verſagen, obwohl gerade der Zuſammenhang derſelben mit den ſokratiſchen Vorſtellungen vom ldos und dem eleatiſchen Sein, d. h. ihr durch Verbindung der beiden letzteren Begriffe gegebener Fortſchritt ihre Bedeutung in das hellſte Licht ſtellen würde. Wir erlauben uns, die aus ſolcher Unterſuchung reſultierenden Ergebniſſe— mit Hinweis auf Cohens:„Platons Ideenlehre und die Mathematik“— hier vorauszuſetzen und ſogleich aus einer ſehr tiefſinnigen und ſchönen Dichtung Platons ſein eigenes Urteil über den Wert der Idee für den denkenden Geiſt herauszuleſen.
Die Menſchen, deren Geiſt ſich im Reiche der Ideen noch nicht zu bewegen vermag, ver⸗ gleicht Platon gefeſſelten Höhlenbewohnern. Im ſchwachen Dämmerlichte eines angezündeten Feuers erblicken ſie die Schatten der vorüberziehenden Geſtalten, in dem Wahne, es ſeien Wirklichkeiten. Werden aber ihre Feſſeln gelöſt, und ſie treten heraus an den leuchtenden Tag,
1*


