Aufsatz 
Der zweite Feldzug Rudolf's von Habsburg gegen Ottokar von Böhmen, nach den Quellen dargestellt
Entstehung
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Der zweite Feldzug Ündolf's von Habsburg gegen Ottokar von Zähmen, nach den Quellen dargeſtellt

Der Kampf Rudolf's von Habsburg gegen König Ottokar II. Prczemislav von Böhmen iſt eine für das Haus Habsburg höchſt wichtige Begebenheit, da dieſes ihm und dem ruhm⸗ vollen Tage auf dem Marchfelde den Beſitz der ſchönen öſterreichiſchen Lande, des eigentlichen Kernes und Stützpunktes ſeiner Macht, verdankt und an Bedeutung für jenes Fürſtengeſchlecht über⸗ trifft er noch den Wahltag zu Frankfurt, der den großen Ahnherrn dieſes Hauſes an die Spitze des deutſchen Reiches berief, welches dieſer trotz des mühevollſten und ſegensreichſten Wirkens für die Wohlfahrt deſſelben bei ſeinem Hauſe nicht zu erhalten vermochte. Die Bedeutung dieſes Kampfes iſt aber keineswegs auf dpuaſtiſche Intereſſen eingeſchränkt; der Krieg gegen Ottokar war, wenn er auch nur zum geringſten Theile mit den Streitkräften und Hilfsmitteln des deutſchen Reiches geführt wurde, dennoch ein Reichskrieg in der vollen Bedeutung des Wortes und es galt bei demſelben ganz eigentlich die Entſcheidung der Frage, ob es noch ein römiſches Reich deutſcher Nation geben ſolle oder nicht. Hierin liegt die wahre Bedeutung dieſes Kampfes, deſſen nähere Betrachtung jedem Freunde der vaterländiſchen Geſchichte die größte Freude gewähren muß, da aus ihm eine gerechte, eine deutſche Sache ſiegreich her⸗ vorgegangen iſt und er den wichtigſten Moment in dem Leben eines der edelſten deutſchen Kaiſer bildet, deſſen Heldenmuth und Charaktergröße in dieſem Kampfe um ſo größere Bewun⸗ derung verdienen, je zweifelhafter der Ausgang des Kampfes war, je überlegner die Macht ſeines Gegners, je geringer ſeine eigenen Mittel und die Unterſtützung der Reichsfürſten, je bedeutender die Schwierigkeiten und je drohender die Gefahren waren, welche er zu überwinden hatte.

Die Wahl Rudolf's von Habsburg zum deutſchen Könige war eine einſtimmige und über ihre Rechtmäßigkeit konnte bei keinem Unbefangenen ein Zweifel obwalten. Nachdem ihn Papſt Gregor X. anerkannt und es durch ſeine ebenſo eifrigen als weiſen Bemühungen dahin gebracht hatte, daß Al⸗ fons von Caſtilien endlich davon abſtand, ſeine Anſprüche auf die deutſche Königswürde geltend zu machen, war es nur noch Ottokar von Böhmen, der es in ſeinem ſtolzen Unabhängigkeitsgefühle nicht über ſich gewinnen konnte, Rudolf, den er einen armen Grafen nannte, als Oberhaupt des deutſchen Reiches anzuerkennen. ¹) Letzterer mußte in dieſer Eigenſchaft nothwendig von Ottokar for⸗ dern, daß er um Böhmen und Mähren und die übrigen Länder, welche bereits ſeine Vorfahren be⸗ ſeſſen hatten, ihm die Huldigung leiſte; er konnte ferner von ihm verlangen, daß er, wenn er auch mit den Herzogthümern Oeſterreich, Steiermark, Kärnthen und den mit dieſen verbundenen Ge⸗ bieten, welche Länder er ſelbſt erſt erworben hatte, belehnt ſein wollte, den rechtmäßigen Beſitz aller dieſer Länder beweiſe. Ottokar wollte aber weder der einen noch der andern Forderung des deut⸗ ſchen Koniges entſprechen und um für ſeine Weigerung einen Grund zu haben, beſtritt er gleich von Anfange die Rechtmäßigkeit der Wahl Rudolf's und ſuchte ſeine Macht durch Rüſtungen und Bündniſſe zu verſtärken, um ſich ſowohl in ſeiner Unabhängigkeit von dem deutſchen

1) Ottokar bedient ſich von Rudolf des Ausdruckes Electus auch noch nach deſſen Anerkennung durch den Papſt(Urkunde vom 9. März 1275, Palacky Ital. Reiſe. 357).

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