— 12—
Die Angst der Prinzessin um ihren ältesten Bruder war nicht unbegründet. Er hatte am 9. Oktober ein Gefecht bei Günzburg, rückte am 10. in Ulm ein, suchte am 14. dem Feinde die Donaubrücke bei Elchingen zu entreissen und erhielt dabei einen Gewehrschuss durch den rechten Oberarm, der den Knochen streifte. Am 17. Oktober wurde er mit dem Heere Mack's in Ulm kriegsgefangen. Auf Ehrenwort entlassen, zog er unter vielen Beschwerden über Kempten, Innsbruck, und Raab nach Ofen, und begab sich, da nach der unglücklichen Schlacht von Austerlitz Waffen- stillstand geschlossen worden war, nach Holitsch ins öster- reichische Hauptquartier. Eltern und Geschwister hatten lange Zeit keine Nachricht von ihm. Daher schreibt ihm Marianne aus Berlin, den 18. Dezember 1805:
„Mein Vater schickt mir diessn Brief an Dich. Durch Metternich*) soll er Dir zukommen, und da dieser mir ohne- dies geboten hat, ihn als meinen Posthalter zu betrachten, so kann ich ohnmöglich diese Epistel fahren lassen, ohne eine von mir beizufügen.— Lieber teurer Bruder, in welcher Todesangst lässt Du uns leben! Kein einzig Wort von Dir nach Homburg: Du konntest Dir doch leicht denken, wie besorgt mir alle um Dich Geliebten sind. Du bist gefangen, was mehr ist verwundet! Soviel haben wir leider gehört. Leicht soll die Wunde sein, Gott gebe es! Wenn Du nur schon ausgewechselt bist, denn. wie unerträglich wäre Dir sonst Dein jetziger Zustand. O, knieend bitte ich Dich, Du mir über alles teurer, nur mit einigen tröstenden Worten uns zu beglücken; der arme Papa ist auch so unendlich besorgt um Dich....
Wir haben die Zeit hier auch sehr viel erlebt— erst all das Politische, wobei ich mich jeden Tag fast zu Tod ärgere, dann den Kaiser Alexander**)— ein fürtrefflicher
*) Graf Metternich war seit dem 3. Januar 1803 österreichischer Gesandter in Berlin.
**) Alexanders Besuch dauerte fast einen Monat. Auf sein Drängen wurde am 3. November 1805 der Potsdamer Vertrag ab- geschlossen. Doch sollte das preussische Ultimatum Napoleon erst am 13. Dezember zugehen, da vorher die Armeenichtschlagfertigsein könne.


