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IV. Beigabe.
Die Berufswahl.
„W ahl macht Qual“— ein altes im Volksmund verbreitetes, zutreffendes Sprichwort!
Wer von uns, Hochzuverehrende Anweſende, hat nicht deſſen Wahrheit ſchon öfter empfunden von den früheſten Tagen an bis auf die heutige Stunde. Denn welche Verlegenheit und Verwirrung bereiten wir ſchon dem Kinde, wenn wir ihm aufgeben, von zwei Apfeln einen für ſich auszuwählen. Wie zögert und ſchwankt es; wie betrachtet, betaſtet und vergleicht es die Gegenſtände ſeiner Wahl und wie leicht, ſchon im Moment des Zugreifens, ändert es plötzlich ſeinen Entſchluß. Und iſt die Wahl getroffen, tritt da nicht häufig eben ſo plötzlich eine Reue ein, erſcheint nicht auf einmal der verſchmähte Gegenſtand in einem anderen, vorzüglicheren Licht und verliert nicht der Gewählte in gleichem Grade an Reiz und Wert?
Mit dem zunehmenden Alter, mit der erhöhten Bedeutung der zutreffenden Entſcheidungen wächſt die Schwierigkeit und die Verantwortlichkeit einer uns überwieſenen Wahl. Wie oft tritt dann der Fall ein, daß der Wählende förmlich zurückſchreckt vor derſelben, daß er Anderen dieſes peinliche Geſchäft zuſchiebt, lieber dem unberufendſten Ratgeber folgt, als ſelbſt handelt, oder daß er gar den Zufall, das Loos entſcheiden läßt über die wichtigſten Entſchließungen!
Die Alten haben uns einen Mythus überliefert, der uns bereits die Schwierigkeit darſtellt, beim Treffen einer Wahl.„Herkules am Scheideweg“. Dieſe drei Worte hören wir oft aus⸗ rufen, wenn es ſich um eine ſolche handelt. Sie führen uns den bevorzugten Liebling ihrer Heroen als Jüngling vor, im Begriff, zu wählen zwiſchen Freude und Arbeit, zwiſchen Genuß und Anſtreng⸗ ung, zwiſchen einem Leben von ſorgloſer Ruhe und einem anderen voll Kampf und Gefahr. Da wir wiſſen, welche Entſcheidung Herkules getroffen hat und mit welch' glücklichem Erfolg, ſo Lrſcheint uns hinterher dieſelbe nicht ſo ſchwierig, als ſie ihm ſelbſt wohl geweſen ſein durfte.
Am mißlichſten wird aber die Wahl für Denjenigen, dem der Überblick und die Erfahrung fehlt, alle Umſtände zu kennen, abzuwägen und zu würdigen, um ſich nach dieſer oder jener Seite hin zu entſcheiden. Deshalb bildet gerade die Berufswahl einen ſo bedeutenden, verhängnißvollen Wendepunkt im Leben des Menſchen, der ihr meiſt gegenüber ſteht, wie der Zuſchauer vor dem Vorhang einer Bühne, der aufgehend, ihm ungeahnte Bilder entrollt, wie der Wanderer, dem der Nebel eine Landſchaft verhüllt, voller Anmuth und Reiz, aber auch voller Klippen und Abgründe.
Glückliche Zeit der Vergangenheit— glückliches Volk der Gegenwart, wo die Frage nach der Berufswahl unbekannt war und es geblieben iſt. Aber freilich, um dem zu begegnen müſſen wir die einfachſten Lebensverhältniſſe aufſuchen, müſſen wir herabſteigen zu den Anfängen der Cultur, wo wir den Menſchen durch ſeine Umgebung, durch die Feſſeln der Natur in einen Kreis gebannt finden, den er nicht überſchreiten kann, wo ſie ihm ſeine Lebensweiſe, ſeinen Beruf aufzwingt und keine Wahl geſtattet. Nur dieſen Bedingungen iſt es zuzuſchreiben, wenn wir von einem Volke von Fiſchern, Jägern oder Hirten zu ſprechen vermögen.
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