Aufsatz 
Friedrich Kohlrausch, Lebensbild eines Schulmannes
Entstehung
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Die Anzahl von Schülern dieſer Kategorie würde aber gewiß eine erheblich größere geweſen ſein, wenn unſere Realſchule nach oben den Ausbau beſäße, an welchen die entſprechenden Berechtigungen geknüpft ſind.

Der für die jüngeren Schüler angeordnete unentgeltliche Ferien⸗Unterricht, mit welchem mehrfache Ausflüge in die Umgebung verbunden waren, wurde zu Oſtern und Herbſt in der ausgedehnteſten Weiſe benutzt. Ebenſo entſprechend war der Gebrauch, welcher von dem unentgeltlichen Beſuch der Bade⸗ und Schwimm⸗ anſtalt gemacht wurde und wir haben die Befriedigung, durch dieſe Einrichtungen einem recht ausgeſprochenen Bedürfniſſe nachgekommen zu ſein.

Der Geſundheitszuſtand unſerer Schüler war im verfloſſenen Schuljahre ein befriedigender und ungeachtet der großen und anhaltenden Hitze des Sommers 1868 waren wir, begünſtigt durch Lage und Einrichtung unſerer Schullokale, nicht genöthigt, den Unterricht irgend auszuſetzen.

Am 9. Juni wohnte das Lehrerkolleg in üblicher Weiſe der zu Ehren des Geburtstags Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs im Dome abgehaltenen gottesdienſtlichen Feierlichkeit bei.

Mit innerſter Bewegung haben wir den weiteren Ereigniſſen des Schuljahres 1868/69 zu gedenken, das wohl das wechſelvollſte in der bisherigen Geſchichte unſerer Anſtalt ſein dürfte

Wenn wir im vorjährigen Programm mit der Nachricht von dem längeren Erkranken unſeres lieben Kollegen und Zeichenlehrers Cornelius Schleidt die ſo gern gehegte Hoffnung auf deſſen Wiedergeneſung ausſprachen, ſo hat ſich dieſe leider nicht erfüllt. Derſelbe ſtarb, 54 Jahre alt, bereits am 31. März, wenige Tage vor Ablauf des Schuljahres, ſo daß wir bei der Schlußfeier vor den Schülern und Freunden des Verewigten ihm Worte der ehrenden Erinnerung widmen konnten, wie ſie ſeiner ſiebenzehnjährigen Wirkſamkeit an unſerer Anſtalt entſprechend waren. Der am gleichen Tage ſtattfindenden Beerdigung, an welcher Lehrer und Schüler der Real⸗ ſchule in feierlichem Aufzuge ſich betheiligten, hatte ſich die Begleitung zahlreicher Freunde angeſchloſſen. Die von der Anſtalt veranlaßten Exequien wurden am folgenden Tage in der Kirche zu St. Emmeran abgehalten.

Hatten wir hier Abſchied genommen von einem der älteren Angehörigen des Kollegs, ſo überraſchte uns aufs ſchmerzlichſte die Trauerbotſchaft von dem, nach nur ganz kurzer Krankheit, am Sonntag den 8. November 1868 erfolgten Tode des jüngſten Mitgliedes, des Klaſſenführers der fünften Klaſſe B, Nikolaus von Berks. Er ſtand im 32. Jahre ſeines Lebens und, mit kurzer Unterbrechung, im zehnten Jahre des Wirkens an unſerer Schule, als in ihm der letzteren ein pflichttreuer und ſtrebſamer Lehrer, der Familie ein liebevoller Sohn, Gatte und Vater, dem geſelligen Kreiſe ein hochgeſchätzter Freund entriſſen wurde. Dies ließ die bei der am 9. No⸗ vember erfolgten feierlichen Beerdigung allgemein ausgeſprochene Theilnahme erkennen. Von Freundeshand wurde der mit Blumen reich geſchmückte Sarg zur letzten Ruheſtätte getragen und unſer Herr Kolleg Dr. Geier verlieh als Geiſtlicher und Freund des Verewigten dem berechtigten Schmerz einen beredten Ausdruck. Die Exequien von Seiten der Anſtalt wurden am 10. November in St. Emmeran abgehalten.

In minder betrübender Weiſe verlor unſere Realſchule einen weiteren Lehrer, indem der bisherige Führer der fünften Klaſſe A, Eduard Würth am 1. Dezember 1868 einer ehrenvollen und vortheilhaften Berufung an die Realſchule zu Bingen folgte. Gleich ſeinem Freunde von Berks hatte er ſeine Lehrthätigkeit als Acceſſiſt an unſerer Realſchule vor elf Jahren begonnen und als ein tüchtiger Lehrer und ehrenwerther Charakter an derſelben gewirkt. Dieſe Eigenſchaften verbürgen ihm gleichen Erfolg und entſprechende Achtung in ſeiner neuen Lebensſtellung, wohin unſere beſten Wünſche ihn begleiten.

Bis zur erfolgten Ausfüllung der alſo entſtandenen Lücken wurde der betreffende Unterricht durch die vereinte Thätigkeit des Direktors und des Lehrerkollegs in angemeſſener Weiſe vertreten.

In den amtlichen Mittheilungen ſind die an unſere Realſchule neu berufenen Lehrer bereits bezeichnet worden und wir laſſen hier einige Angaben über die perſönlichen Verhältniſſe derſelben folgen.

Der Zeichenlehrer Heinrich Lindenſchmit iſt geboren den 22. Juli 1834 zu Innsbruck. Der Begabung der Familie entſprechend ſein Vater war Hofmaler und Zeichenlehrer am hieſigen Gymnaſium widmete er ſich, nachdem er die Maturitätsprüfung an dieſer Lehranſtalt erledigt hatte, der künſtleriſchen Ausbildung, theils in dem Atelier ſeines Bruders, des Malers Wilhelm Lindenſchmit, theils in den Kunſtſchulen des Städel' ſchen Inſtituts in Frankfurt und von München. Nach mehrjährigem Aufenthalt in England, wo er mit Zeichen⸗ unterricht und der Ausführung lithographiſcher Arbeiten beſchäftigt war, hatte er zuletzt zur Ausführung einer größeren künſtleriſchen Arbeit für das hieſige Muſeum ſeinen Wohnſitz in Mainz genommen.

Der proviſoriſche Reallehrer Johannes Krämer iſt geboren am 19. März 1831 zu Büdesheim bei Bingen, erhielt ſeine Ausbildung im Lehrerſeminar zu Bensheim, erledigte die Definitorialprüfung im Jahre 1852, bekleidete verſchiedene Lehrſtellen auf dem Lande, wurde im Jahre 1855 als Lehrer an die Stadtſchule in Mainz berufen und durch Dekret vom 2. April 1866 definitiv an derſelben angeſtellt.