Aufsatz 
Die Chemie in ihrer gegenwärtigen Ausbildung und Wichtigkeit
Entstehung
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Die Ariſtoteles'ſche Anſicht, daß Feuer, Waſſer, Luft und Erde die Elemente ſeien, aus denen alles Geſchaffene, die ganze Körperwelt mit allen ihren Gebilden der Natur, beſtehe, iſt verſchwun⸗ den. Denn man hat, ſeitdem man ſich ernſtlich und auf richtigem Wege der Forſchung mit Er⸗ forſchung der Materie durch Zerlegung der körperlichen Beſtandtheile der Körperwelt beſchäftigt, bis jetzt gefunden, daß es mehr als ſechzig Stoffe gibt, die ſich nicht weiter in verſchiedenartige Beſtandtheile trennen laſſen. Man nennt ſie, im Gegenſatze zu den zuſammengeſetzten Körpern, einfache Stoffe oder Elemente. So überraſchend groß auch, der früheren Anſicht gegenüber, dieſe Zahl von Grundſtoffen erſcheint, ſo muß doch bei aufmerkſamer Beobachtung anerkannt werden, daß jene Zahl, im Vergleiche zu der außerordentlichen Menge der in der Natur vorhandenen Gebilde eine äußerſt geringe iſt. Die Elemente äußern nänlich, ſobald ſie ſich berühren, eine Anziehung auf einander, die man mit dem Namen Verwandtſchaft belegt. Unterliegen zwei oder mehrere Elemente einer verwandtſchaftlichen Anziehung, ſo geht daraus eine chemiſche Verbindung hervor, in welcher, wie ſchon erwähnt, die Einzeleigenſchaften der verbundenen Elemente verſchwinden, ſo daß ganz andere an ihre Stelle treten. Wollte man annehmen, daß ſich nur je ein Element mit jedem an⸗ dern verbände, ſo entſtänden allein ſchon mehrere tauſend Verbindungen; da aber auch je 2 Elemente oft mehrere Verbindungen erzeugen und überdies noch die einzelnen Verbindungen meiſtens ſich wieder unter einander verbinden; ſo ſpringt es in die Augen, wie überaus groß die Zahl der Gebilde in der Natur ſein muß, deren Studium das Gebiet der Chemie ausmacht. Ueberſieht man dabei end⸗ lich nicht, daß, wenn ſich zwei oder mehrere Stoffe verbinden, das Gewicht der Verbindung im⸗ mer gleich iſt dem Gewichte der Beſtandtheile d. h, daß die Elemente ſich ſtets in unabänderlichen Mengen mit einander verbinden; ſo muß es einleuchten, daß das Gebiet der chemiſchen Forſchung unüberſehbar iſt, ſo daß kaum eine menſchliche Beſchäftigung von chemiſchen Vorgängen unberührt bleibt.

Und welches iſt nun die Wichtigkeit, welche die Chemie in den letzten Decennien erlangt hat? Wer könnte in Abrede ſtellen, daß ihr die Gegenwart einen hohen Rang unter den Viſſenſchaften anweiſt? Wer könnte beſtreiten wollen, daß ihr, wie einſt die Alchymie in einem übel verſtandenen Sinne, in unſeren Tagen in einer edleren Bedeutung der Name Goldmacherkunſt zukommt? Ich will ſie nicht als Mittel zur Geiſtesbildung näher in Betracht ziehen; ich will nicht an die groß⸗ artigen Fortſchritte auf dem Gebiete der Induſtrie erinnern, die eine Frucht dieſer Wiſſenſchaft ſind und bekanntlich unzählige Beſucher der Kunſtausſtellungen in den WeltſtädtenLondon und Paris in Erſtaunen geſetzt haben. Ich will ſelbſt daran nicht erinnern, welches neues Licht ſie in die geheimſte Werkſtätte der Natur, wohin ſelbſt das beſte Microſcop nicht reicht, und in die Disciplinen der ihr verwandten Wiſſenſchaften wirft. Ich will hier nur, um beim Nächſten ſtehen zu bleiben, der Landwirthſchaft, die nur durch ſie rationell betrieben werden kann, gedenken und einfach fragen: Wem verdankt die heutige Landwirthſchaft die Kenntniß von den mineraliſchen Stoffen, welche zum Wachsthum und Gedeihen der Pflanzen erforderlich ſind? die Kenntniß von den mancherlei luftförmigen Stoffen, welche die Pflanzen als Nahrungsmittel gar nicht entbehren können? die Kenntniß von den vielen gasförmigen, alſo unſichtbaren Stoffen, die, gebunden, zu den trefflichſten Düngemitteln werden und bei richtiger Anwendung eine die Volkswohlfahrt be⸗ günſtigende Mehrproduction veranlaſſen?

Aus dieſen Gründen bietet das Studium der Chemie jedem Lernbegierigen, der mit Ernſt ſich ihm widmet, große Befriedigung und immer neuen Reiz, in dieſe Wiſſenſchaft ſich mehr und mehr einführen zu laſſen. Darum muß es denn gewiß als höchſt willkommen erſcheinen,