Aufsatz 
Über den Ausdruck der Gefühle. (Semasiologische Beiträge I.) / Engelbert Schneider
Entstehung
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Über den Ausdruck der Gefühle.

Von

Gymnasiallehrer

DR. ENGELBERT SCHNEIDER.

Es ist erstaunlich, welche Fülle von Empfindungen die Menschenbrust im Laufe der Jahre durchzieht. Freude, Liebe, Sehnsucht und Hoffnung, Mut, Begeisterung, Ehrfurcht, Be- wunderung, Mitleid und Rührung und andere werden in mannigfachen Arten und Graden durch die verschiedensten äusseren und inneren Ursachen allmählich im Menschen wachgerufen, vertieft und feiner ausgebildet, und sie kommen und gehen und wechseln vielfach wie Sonnenschein und Wolken am Himmelszelt.

Wie freut sich das Kind beim Anblick der Eltern! Wie wird es wiedergeliebt! Mit treuer Hingebung wird es gepflegt und behütet Tag und Nacht. Die Mutterliebe folgt ihm auf allen Schritten und Wegen. Sein Wohlergehen ist der Eltern schönste Freude, sein Tod bringt ihnen unnennbaren Schmerz.

Für Kind und Gattin arbeitet der Vater freudig und unermüdlich. Er schützt sie und wagt sein Leben, wenn es gilt, die Seinen aus Gefahr und Krankheit zu retten. Wie sehnt er sich nach seinen Lieben, wenn er in der Ferne weilen muss!

Mit freudiger Hoffnung blickt der Jüngling in's Leben. Im Kampfe des Lebens wechselt dann Freude und Leid. Verschieden fasst man das Widerwärtige auf. Der eine ringt mutig und entschlossen im Vertrauen auf die eigene Kraft mit den ungünstigen Verhältnissen. Der andere ist haltlos und verzagt im Gefühle der eigenen Unzulänglichkeit, der dritte verbittert und trotzig. Den vierten bringt weder Glück noch Unglück ausser Fassung und von seinem Tagewerke ab. Der fünfte beugt sich ruhig und gottergeben. Die Religion spendet ihm Trost und Frieden in den Nöten des Lebens. Der sechste flüchtet aus der Welt mit ihrem Leid in die Einsamkeit stiller Welt- und Selbstbeschauung; den siebten erfüllt Begeisterung zur Arbeit oder zum Kampfe für die idealen Güter und Ziele der Menschen, die hinweghilft über Kummer und Leid, über Krankheit und Alter, über Kränkung und Tod.

Und höher schlägt das Herz des Mannes voll freudigen Stolzes über den aus eigener Kraft errungenen Sieg. Ehrfurcht erfüllt uns vor dem Heiligen, Bewunderung vor unseren grossen Männern, und Mitleid und werkthätige Liebe überbrücken freiwillig die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Hoch und Niedrig, zwischen Herr und Knecht.

Aus dem Gefühle entspringt im letzten Grunde die grössere Hälfte all unserer Hand- lungen. Auf dem Gefühle des Hungers, des Ehrgeizes, des Neides und der Rachsucht, auf der