Aufsatz 
Ein altdeutsches Frühlingsfest. Eine kulturgeschichtliche Studie : 2. Teil. Das Sonnenrad
Entstehung
Einzelbild herunterladen

wurde auch von einem andern Paulsberge an der Moſel, irre ich nicht, bei Lieſer ein feuriges Rad früher herabgerollt, wo wohl kein Einſiedler zur Erklärung des Bergnamens zur Hand iſt. Daß man auf heidniſche Volksgebräuche bei Auswahl der Kirchenpatrone Rückſicht nahm, beweiſt der Um⸗ ſtand, daß der Kirchenpatron von Münſtereifel der heilige Donatus iſt, der gegen Blitzgefahr angerufen wurde und mit einem Rade als Attribut abgebildet!¹) wird. Denn auch in Münſtereifel) herrſchte, wie mir auch ein College, der dort ſeine Studien machte, mitgeteilt hat, der Brauch, ein feuriges Rad von einem Berge herabrollen zu laſſen. Auf dem Hunds⸗ rücken liegt in der Nähe von Boppard das Dorf Pfalzfeld, auf deſſen Kirchhof ſich ein Mithraeum befindet. Der urkundliche Name des Dorfes lautet Pauli campus. Da unter den Tagen, an welchen feurige Räder von den Bergen herabgerollt wurden, auch das Feſt Peter und Paul angeführt wird, ſo ſcheint ſich unter dem Apoſtel Paulus eine heid⸗ niſche Gottheit zu verbergen, in ähnlicher Weiſe wie St. Petrus der chriſtianiſierte Donar iſt. In Norwegen wurde aber Wali, der als Gott des wiederkehrenden Lichtes geſchildert wird, durch den Apoſtel Pauluss) erſetzt, während er in Deutſch⸗ land als Patron der Fruchtbarkeit im allgemeinen verehrt wurde. 4) Hieraus ergibt ſich, daß die Geiſtlichkeit ein Intereſſe daran hatte, an die Stelle eines heidniſchen Gottes, dem die Feier, bei welcher das ſprühende Rad eine Rolle ſpielte, galt, den Eremit Paulus zu ſetzen, der auf dem Pulsberge gar nicht gelebt. Aber das gewöhnliche Volk ſtörte ſich nicht an dieſe Namensveränderung und blieb bei ſeinem Namen, sed vulgus eum nominat Bulisberg. Da Grimm der Meinung iſt, daß der Pfahlgraben mit dem Gotte Phol zuſammenhängt, wir aber bei der am Pulsberge herunterkommenden Römerſtraße auch eine Art Pfahlgraben, die Lang⸗ mauer, haben, ſo bin ich geneigt, den Namen Pulsberg mit dem Gotte Phol in Verbindung zu

¹) Simrock, Mythologie p. 315. Radowitz, Geſammelte Schriften 1, 197.) Schmitz, Sitten, Sagen... des Eifler Volkes p. 46. ³) Finn Magn. Lexicon Mythol. 798. 4) Radowitz, Geſ. Schriften p. 239.

26

bringen, wenn mir auch die ſchwerwiegenden ſprach⸗ lichen Bedenken, die dagegen ſprechen, nicht unbe⸗ kannt ſind.

Faſſen wir das Geſagte zuſammen. Am Donnerstag der alten Faſtnachtswoche, der den Namen Cananea führt, errichteten die Metzger als Opferprieſter und die Wollenweber als Prieſter⸗ collegium der mütterlichen Erdgottheit, welche die Menſchen das Spinnen und Weben gelehrt, auf einer alten Cultſtätte des Pulsberges einen Birken⸗ baum. Am darauffolgenden Sonntage mit dem Namen dominica Cananea, Allermannsfaſtnacht, Funkenſonntage verſammelten ſich beide Zünfte, als Grenadiere und Dragoner gekleidet, auf dem Kornmarkte und zogen von dort zur Moſelbrücke, woſelbſt die Wollenweber halt machten, während die Metzger bis zum Fuße des Pulsberges vorrückten. Die kriegeriſche Maskerade iſt wohl eine letzte Er⸗ innerung an den ehemaligen Kampf des Sommers mit dem Winter. Hierauf wurde unter dem Ab⸗ feuern kleiner Kanonen, welchen die Nachahmung des Donners oblag, der Birkenbaum von der Höhe, wie der Blitz aus den Wolken, in die Tiefe ge⸗ ſchleudert, und dadurch die Erdenjungfrau aus der langen Gefangenſchaft der Winterrieſen erlöſt. Das feurige Rad, welches hierauf den Berg herabgerollt wurde, war ein Sinnbild des Blitzes in ſeiner ſprühenden Form, deſſen Feuerfunken ſich als Lebens⸗ keime über das Land verbreiteten und in Vereinigung mit der Materie das ſchlafende Naturleben weckten und inſofern ſinnbildlich die Vermählung der Erde mit der Sonne darſtellten. Die Piſtolenſchüſſe, mit welchen das herabrollende Rad begrüßt wurde, hatten dieſelbe Bedeutung, denſelben Zweck wie bei den ländlichen Hochzeiten, ſie dienten zur Abwehr des Schadens der Fascination, ſie ſollten jeden böſen Einfluß bannen. Nehmen wir noch das ſpätere, dreimalige Umreiten des geſchmückten Kronenpfützes hinzu, um ſchon jetzt die vollſtändige Deutung des trieriſchen Frühlingsbrauches zu geben, ſo läßt ſich der Sinn dieſer alten Feier durch Befreiung, Ver⸗ mählung und Palingeneſie der Natur wiedergeben.

Q·ↄᷓꝑꝑʒq·ꝑę·CVQ