mehr möglich, gut lateiniſch zu ſchreiben; die Sprache ſei zu arm, um unſere tiefen deutſchen Gedanken auszudrücken, das Latein werde zu wiſſenſchaftlichen Abhandlungen nur noch von denen gebraucht, welche den Mangel an Gedanken durch den Glanz der alten Sprache zu ver⸗ decken ſuchten u. ſ. w. Es liegt nicht in meiner Abſicht, auf dieſe Einwendungen ausführlich zu erwiedern; nur das will ich bemerken, daß die lateiniſche Sprache reich genug iſt, um jeden klaren Gedanken der Neuzeit wieder geben zu können, und daß, was die Gedankenarmuth der f. g. Neu⸗Lateiner ¹) betrifft, manches deutſche Buch, ins Lateiniſche überſetzt, in ſeiner ganzen Blöße erſcheinen müßte, weil ſich herausſtellen würde, in welchen leeren, aber ſchimmernden Wortſchwall oft die allergewöhnlichſten Gedanken in den modernen Sprachen gehüllt werden. Uebrigens handelt es ſich auch gar nicht darum, lateiniſche Stiliſten zu bilden; es handelt ſich nur um lateiniſche Stilübungen, deren Nothwendigkeit, ja Unentbehrlichkeit mehr her⸗ vorgetreten iſt, ſeitdem in unſern Schulen nicht mehr, um mich ſo auszudrücken, lateiniſche Luft weht.: Vom 16. Jahrhundert an bis in die Mitte des 18. bekämpften und verdarben Latein und Deutſch ſich gegenſeitig. Als aber das Deutſche geſiegt hatte und Proſaiker, wie Juſtus Möſer, Winckelmann, Leſſing ac. auftraten, denen, was Deutlichkeit, Reinheit und Männlichkeit des Stils betrifft, ſelbſt in unſerer Zeit nur Wenige an die Seite geſtellt werden können, wurde auch das Latein wieder in ernſte Pflege genommen, und die grammatiſchen Studien, ſowie die Beſtrebungen es von Barbarismen zu reinigen und ihm wenigſtens in den Schulen durch eine andere Behandlung wieder zu der ihm gebührenden Anerkennung zu ver⸗ helfen, gingen Hand in Hand. Die Stilübungen erhielten einen Zuwachs; zu den lateiniſchen Aufſätzen kamen in ausgedehnterer Weiſe die Ueberſetzungen aus dem Deutſchen ins Lateiniſche, und es iſt merkwürdig, wie dieſe Uebungen ſeit dem Anfange dieſes Jahrhunderts bis auf die Gegenwart in dem Maße geſteigert worden ſind, als die Lectüre der Klaſſiker erleichtert worden iſt, gleich als ob man gefühlt hätte, daß dieſe, um Lateiniſch zu lernen, nicht mehr ausreiche und einer Unterſtützung bedürfe. Wenn man nur bis ans Ende des vorigen oder den Anfang dieſes Jahrhunderts zurückgeht— welcher Fortſchritt von Sintenis und Döring, um nur die bekannteſten zu nennen, bis auf den verſtorbenen C. Fr. Nägelsbach und die hoffentlich noch lange lebenden M. Seyffert und G. Wichert! Dieſe Männer ²) gelten mir jetzt als die Hauptvertreter der lateiniſchen Stilubungen, wie dieſe in unſern Gymnaſien getrieben werden oder doch getrieben werden ſollten. Latein und Deutſch kämpfen wieder mit
1) Die harten Urtheile über die Neulateiner ſind übrigens nicht neu. Vgl. z. B. d'Alembert, Vorrede zu ſeiner großen Encyclopädie p. XXXV(Genfer Ausg. v. 1777). Selbſt heute haben ſich die Anſichten noch nicht geklärt; denn ſchreibt ein Gymnaſiallehrer ſeine Abhandlung deutſch, ſo kann er, heißt es, nicht Latein ſchreiben; ſchreibt er lateiniſch, nun, ſo will er eben durch die fremde Sprache die Schwäche ſeiner Gedanken verdecken. Gut lateiniſch zu ſchreiben, iſt eine Kunſt, die gelernt ſein will, und war ſchon eine Kunſt bei den alten Römern.
2) Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ihnen eine lange Reihe von Männern vorausgeht, die direct oder indirect die lateiniſchen Stilübungen gefördert haben; alle mit ihren Leiſtungen hier aufzuführen, verbietet der Raum. Jeder Lehrer, der die Literatur ſeines Faches kennt, weiß, daß auf keinem Gebiete ein früheres Buch durch ein ſpäteres und beſſeres überflüſſig wird. Es wäre nicht ſo ſchwer und dankenswerth, wenn jemand die Entwickelung der lateiniſchen Stiliſtik in dieſem Jahrhunderte ſchreiben wollte, wobei er natürlich auch die Arbeiten auf dem Gebiete der lateiniſchen Sprachwiſſenſchaft überhaupt beachten müßte.


