4
immer noch auftauchende harmoniſche Ausbildung aller menſchlichen Kräfte. Was von einem Gymaſialſchüler jetzt neben den klaſſiſchen Studien gefordert wird, iſt ſo viel, daß er dieſen nicht mehr Kraft und Zeit genug zuwenden kann, um in ihnen heimiſch zu werden oder ſie lieb zu gewinnen; ja es wird ihm ſogar ſchwer halten, in einer einzelnen Lehrſtunde ſeine ungetheilte Aufmerkſamkeit z. B. auf den Plato zu richten, wenn in der folgenden Stunde die Kegelſchnitte repetirt werden ſollen. Von künftigen Theologen und Philologen wird auch noch Kenntniß der hebräiſchen Sprache verlangt, ohne daß ihnen dafür bei der Maturitätsprüfung in einem andern Fache etwas nachgelaſſen würde. Wenn man mir entgegnet, daß unſere Schüler ja doch das vorgeſteckte Ziel auch in den klaſſiſchen Sprachen erreichten, ſo gebe ich das zu; das aber gebe ich nicht zu, daß ſie auch nur zum zehnten Theile mit einer ſolchen Kenntniß dieſer Sprachen von den Gymnaſien abgehen, daß ſie, wie die Gebildeten der eng⸗ liſchen Ariſtokratie ¹), im ſpäteren Leben die alten Klaſſiker in der Urſprache leſen können, oder mit einer ſolchen Liebe zum klaſſiſchen Alterthume, daß ſie es mit Begeiſterung auch denen gegenüber vertheidigten, die es gering achten, weil ſie ohne Griechiſch und Lateiniſch wohl⸗ habend und einflußreich geworden ſind, oder endlich mit einer ſo auf das Ideale gerichteten Geſinnung, die ſie befähigte, auch ohne große materielle Güter ſich in dem Beſitze und Genuſſe einer höheren Bildung glücklich zu fühlen und mit freudiger Hingebung und treuer Pflichter⸗ füllung zu dem Wohle ihrer Mitmenſchen mitzuwirken.
Mit dieſen Bemerkungen habe ich eine der Fragen berührt, die man Organiſationsfragen nennt, und vor denen ich allen Reſpekt habe. Allein ich ſpreche mitten aus der Praxis heraus und habe keinen Grund, mit meinen Anſichten zurückzuhalten: bei der dermaligen Beſchränkung der klaſſiſchen Studien können unſere Schüler nicht mehr den rechten Gewinn aus ihnen ziehen. Um noch einmal die Eine Seite hervorzuheben: trotz jahrelanger Humanitätsſtudien, trotz des durch den ganzen Gymnaſialkurſus gehenden Religionsunterricht, den ich hier nennen muß, ohne ihn darum mit einem andern Lehrgegenſtande paralleliſiren zu wollen, gerathen viele ſchon auf den Univerſitäten auf Abwege und verfallen im ſpäteren Leben ſo ſehr der vorherrſchenden Richtung der Zeit, daß man an dem veredelnden Einfluſſe der Humanitäts⸗ ſtudien irre werden könnte..
Das suum cuique möchte ich auch auf die Gymnaſien ſo angewandt wiſſen, daß in ihnen die Mathematik und Naturwiſſenſchaften in ähnlicher Weiſe, wie in den Realſchulen die klaſ⸗ ſiſchen Studien beſchränkt würden, wogegen die neuern Sprachen, um den Anforderungen des Lebens beſſer zu genügen, unbeſchadet der klaſſiſchen Studien, eine etwas größere Berechtigung erhalten könnten. Ich habe auch die feſte Ueberzeugung, daß dieſe Beſchränkung eintreten wird, weil ſie eintreten muß, wenn wir nicht wieder in Barbarei verſinken ſollen. So lange es aber nicht geſchieht, iſt gewiß jeder Verſuch, auch bei der jetzigen Einrichtung unſerer Gymnaſien eine tiefer gehende Kenntniß des klaſſiſchen Alterthums und ihrer Grundlagen, der griechiſchen
1) Freilich, die engliſche Erziehung iſt eine andere. Vgl. die ſchon genannten Briefe v. Wieſe an mehreren Stellen und die ſeitdem erſchienenen ziemlich zahlreichen Schriften über engliſche Erziehung. Ich erinnere aber auch an ein älteres, in Deutſchland wenig bekanntes Buch: Academie Prrors. By a member of the University etc. London 1817, in welchem der Verf. ſeine Aufnahme in die Schule zu Eton, Lebens⸗ und Unterrichtsweiſe in dieſer Auſtalt ꝛc. auf eine ſo gemüthliche Weiſe erzählt, wie nur ein Engländer erzählen kann.. 3


