Aufsatz 
Die altklassischen Studien, insbesondere die lateinischen Stilübungen in unsern Gymnasien
Entstehung
Einzelbild herunterladen

3

trotzdem hat es durch die einigen andern Lehrfächern eingeräumte größere Berechtigung eine weſentliche Beeinträchtigung erfahren), für welche, wenn es ſich um die Pflege der altklaſſiſchen Studien überhaupt handelt, ſeine Aufnahme in die Real⸗ und theilweiſe auch höheren Bürger⸗ ſchulen ²) einen ſehr zweifelhaſten Erſatz bietet, indem eine noch ſo gute Sache durch Verallge⸗ meinerung nicht immer gefördert wird.

Sollen die Humanitätsſtudien nicht der Zeit zum n Opſer fallen und fortan noch ihren veredelnden Einfluß auf die Menſchheit üben, ſo ſetze man ſie wieder in ihr volles Recht ein, d. h. um es kurz zu ſagen, man beſchränke in den Gymnaſien den mathematiſchen und natur⸗ wiſſenſchaftlichen Unterricht, für welchen auf anderen Lehranſtalten ausreichend geſorgt iſt. Für die Behandlung rein techniſcher Fragen, die ſich auf Mathematik und Naturwiſſenſchaften ſtützen, werden ja doch ſchon ſeit Jahren die eigentlichen Techniker herangezogen, nicht aber Theologen, Juriſten, Mediciner und Philologen, die, welche Stellung ſie auch ſpäter im Leben einnehmen mögen, von ihren in den Gymnaſien erworbenen mathematiſchen und naturwiſſen⸗ ſchaftlichen Kenntniſſen keinen Gebrauch machen ³), und, was man allgemeine Bildung nennt, iſt nicht mehr möglich, wenn man darunter gründliche Kenntniß aller Zweige des menſchlichen Wiſſens verſteht: non omnia possumus omnes. Auch wäre es ſicher im gewöhnlichen Leben und in den Ständeverſammlungen kein Unglück, wenn Reden und Schmeihen immer in einem richtigen Verhältniſſe zur Sachkenntniß ſtünden.

Die Alterthumsſtudien müſſen in unſern Gymnaſien wieder zum Mittelpunkte werden, wenn ſie ihres Anſehens und ihrer bildenden Wirkung nicht verluſtig gehen ſollen. Jetzt ſind ſie es nur ſcheinbar durch die größere Stundenzahl, und wenn man ſeit einigen Jahren, um die dermalige Zahl und Stellung der Lehrgegenſtände zu rechtfertigen, viel von Concentration des Unterrichts redet, ſo hat man wohl ein ſchönes Wort gefunden, das ich aber nicht höher anzuſchlagen vermag, als die in faſt allen Proſpecten von Erziehungsanſtalten

1) Allgemeiner und ſtärker ſpricht ſich Herbſt a. a. O. S. 131 aus:Die gelehrte Schule hat Objecte in ihren Bereich aufgenommen, die gerade nicht mit Nothwendigkeit aus ihrem Princip folgen, oder dieſelben in einer Ausdehnung berückfichtigt, die für den Hauptgegenſtand ſogar nachtheilig werden kann; das ſind eben Conceſſionen an den Zeitgeiſt, wenn auch zum Theil nicht zu umgehende. Wenn aber trotz dieſen Rückſichten die Schule noch häuſig mit dem Haus und deröffentlichen Meinung in Conflict kommt, ſo hat der Staat als die dritte und über⸗ geordnete Macht den Beruf und die Verpflichtung, ſeinen Einfluß in die Wagſchale zu legen, damit das Gewicht jener ſo lange und ſo eifrig gehegten Studien nicht federleicht von der ſtets zweideutigenöffentlichen Meinung in die Höhe geſchnellt werde.

Die berührte Beeinträchtigung gibt ſich auch dadurch kund, daß Manches, was früher zur Einführung in die Kenntniß des Alterthums und der alten Sprachen mit Erfolg getrieben wurde, jetzt aus Mangel an Zeit ganz weg⸗ fällt oder nur ſehr ſtiefmütterlich behandelt wird. Ich erinnere nur an die Versübungen.

2) Der Verf. der kleinen Schrift: das Schulweſen des preuß. Staates. Berl. 1866.(Fr. Schulze) eifert gegen das Latein in den höheren Bürgerſchulen, und er hat von ſeinem Standpuukte aus gewiß Recht. Was er S. 24 und 25 über den Werth der klaſſiſchen Bildung überhaupt ſagt, wird ſicher jeder Freund derſelben gern unterſchreiben. Den höheren Bürger⸗ und Realſchulen wird des Latein wegen des ihm inwohnenden Bildungselementes zum großen Vortheile gereichen; es kommt nur auf die rechte Behandlung und tüchtige Lehrer an. Vgl. Jenner, Behandl. des lat. Unterr. auf Real⸗ reſp. höheren Bürgerſchulen. Progr. d. höheren Bürgerſch. zu Neuwied von 1866.

3) Wann kommen ſie in den Fall, nur noch einmal eine Logarithmentafel aufzuſchlagen? Etwa um ihre Renten⸗ und Zinſeszinſen zu berechnen? Ich darf hier wohl an Dr. M. Axt erinnern, der den Gegenſtand eingehend, wenn.

auch, nach ſeiner Art, etwas leidenſchaftlich behandelt hat: Ueber den Zuſtand der heutigen Gpnnaſ len. Wetzlar 1838. S. 38 ff. und: das Gymnaſium und die Realſchule. Darmſt. 1840..

1*