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kann. Es liegt demnach dieser Schlussfolgerung eine petitio principii zu Grund, und das Resultat derselben ist, dass Gott vorgestellt werden muss als in der That existirend, woraus noch nicht seine Existenz folgt.
Trotz der mehrfachen logischen Fehler, die dem anselmi- schen Beweis anhaften, ist derselbe echt spekulativ, da ihm die Idee der Identität von Denken und Sein zu Grunde liegt. Freilich hat er dieselbe nicht consequent durchgeführt, was Hegel in seinen Vorlesungen über die Beweise für's Dasein Gottes richtig hervorgehoben hat; dessen ungeachtet wurde dieser Beweis Anselms für die Theologie und Philosophie der Folgezeit von der grössten Bedeutung. Zunächst hat René Descartes, der Vater der neueren Philosophie, das onto- logische Argument wieder aufgenommen, so jedoch, dass es nur im Zusammenhang mit seinem ganzen System als ein Fortschritt über Anselms Beweis gewürdigt werden kann.
Dem Menschen ist, sagt Descartes, wenn er auch Alles bezweifelt, das wenigstens sicher, dass er zweifelt, denkt und also existirt. Wodurgh kommt er zu der Richtigkeit dieses Satzes? Offenbar durch die ganz evidente Einsicht in seine Richtigkeit; auf diese Weise also gelangt man zur Einsicht der Wahrheit, wenn es nicht etwa ein höheres Wesen gäbe, das die Macht und den Willen hätte, uns in Allem zu täuschen. Dies ist aber, wie wir aus Folgendem sehen werden, undenkbar. Die Vorstellungen, welche wir haben, können dreifacher Art sein, entweder angeborene oder von Aussen hinzugekommene oder selbst gebildete. In welche Klasse nun eine Idee gehört, lässt sich aus ihrer realitas objectiva schliessen, ob sie nämlich an einem höheren oder niederen Grad des Seins participire. Die Vorstellung der höchsten realitas objectioa ist diejenige Gottes, welcher als nothwendige Eigenschaft die Wahrheitliebe und


