Der Unterschied zwischen dem Richtungswinkel(Azimut) und
Stundenwinkel eines Sterns in seiner Abhängigkeit von dem
Stundenwinkel und der Deklination des Sterns und von der Polhöhe betrachtet.
Von
Professor Dr. Carl Schmidt.
E ist vielfach bekannt, dass man mit Hälfe der Uhr und der Sonne die Himmelsgegenden ziemlich genau bestimmen kann. Der Grundgedanke der Methode lässt sich in folgender Weise klar machen. Die Sonne macht in 24 Stunden einen vollen Umlauf am Himmel, der kleine Zeiger der Uhr dagegen in derselben Zeit zwei volle Umläufe. Folglich bewegt sich der kleine Zeiger gerade mit der doppelten Winkelgeschwindigkeit wie die Sonne, er wird also in derselben Zeit einen doppelt so grossen Bogen zurücklegen als diese. Nun steht die Sonne genau im Süden, wenn sie ihren höchsten Stand am Himmel hat, d. i. um 12 Uhr wahre Sonnenzeit. Im Folgen- den wird vorausgesetzt, dass die Uhr nicht die mitteleuropäische Zeit angibt, sondern die wahre Sonnenzeit des Orts, wie sie durch eine Sonnenuhr angezeigt wird. Nimmt man dann zu irgend einer Zeit, z. B. am Nachmittage, die Uhr in die Hand und hält sie wagrecht so vor sich, dass der kleine Zeiger nach der Sonne gerichtet ist, so sieht man auf der Uhr den Bogen, den der kleine Zeiger seit 12 Uhr mittags zurückgelegt hat. Genau den halben Bogen hat aber in der- selben Zeit die Sonne am Himmel zurückgelegt. Demnach gibt die Mitte des Bogens die Rich- tung an, in welcher die Sonne um 12 Uhr gestanden hat, d. h. die Südrichtung. Die Richtung von Norden nach Süden erhält man also, wenn man den Mittelpunkt des Zifferblatts mit der Mitte des Bogens verbindet, während der kleine Zeiger nach der Sonne zu gerichtet ist. Genau das- selbe gilt von einer Beobachtung am Vormittag, nur dass es sich dann um denjenigen Bogen handelt, den der kleine Zeiger bis mittags 12 Uhr zurücklegen wird.
Man sieht unmittelbar ein, dass die Methode nicht genau sein kann, weil die Bewegung der Sonne in einer anderen Ebene erfolgt, als die Bewegung des Stundenzeigers. Die Sonne durch- läuft während eines Tages am Himmel eine Kreisbahn, die gegen den Horizont geneigt ist und deren Ebene auf der sogenannten Weltachse, der Drehungsachse der Himmelskugel, senkrecht steht. Der Stundenzeiger dagegen bewegt sich, wenn die Stellung der Uhr nicht geändert wird, in einer horizontalen Ebene. Es ist daher von Interesse, die Genauigkeit der Methode zu untersuchen, d. h. zu bestimmen, welchen Fehler man an irgend einem Tage und im Verlaufe des ganzen Jahres im ungünstigsten Falle machen kann, und wie sich dieser Fehler mit der geographischen Breite des Beobachtungsortes ändert.


