Aufsatz 
Über den höchsten Zweck des grammatischen Unterrichts in der deutschen Sprache / vom Conrektor Schmidtborn
Entstehung
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Da nun Sprechen und Denken urſprünglich und erſcheinend unzer⸗ trennlich vereinigt exiſtiren, ſo muß auch ihre Ausbildung in derſelben innigen Vereinigung erfolgen, d. h. jede abſichtliche Erhöhung des Einen muß gleichfalls die des anderen zur nothwendigen Folge haben. Ent⸗ wickelt und vervollkommnet alſo dieſer grammatiſche Unterricht das Sprachvermögen, dann entwickelt und vervollkommnet er ebendadurch auch zugleich die Denkkraft. Es folgt demnach aus dem Verhältniß

der Sprache zum Denken und umgekehrt ſchon im Allgemeinen die Mög⸗

lichkeit und Nothwendigkeit einer Förderung durch die Ausbildung des Sprachvermögens.

Viel deutlicher wird indeſſen noch durch die nähere Betrachtung die⸗ ſer grammatiſchen Unterweiſung der Einfluß der ſprachlichen Ausbildung auf Entwicklung, Uebung und Stärkung des niederen und höheren Er⸗ kenntnißvermögens, mithin auch die Verbindung, Abhängigkeit und Un⸗ terordnung dieſes Ziels von dem und unter den höchſten Zweck vor un⸗ ſere Seele treten; darum wollen wir den Unterrichtsvorgang, den Lehr⸗ ſtoff und die Lehrform in der Art, wie ſie ſich nach dem zu erweiſen⸗ den höchſten Zweck geſtalten müſſen, zu dem Ende uns noch in einigen Andeutungen zu vergegenwärtigen ſuchen. 1

Anſchauen, Verſtehen und bewußtes Anwenden der Sprachformen gehören zu den weſentlichen Stücken desjenigen Vorgangs, durch welchen der Unterricht allein eine Annäherung ans Erreichen des höchſten Zwecks anſtreben kann. Wenn aber der Menſch anſchaut, begreift und anwen⸗ dend urtheilt, ſo ſetzt er ſein Denkvermögen in Thätigkeit und erhöht durch dieſelbe ſeine intenſive Kraft. Je öfter und je genauer das Er⸗ kenntnißvermögen dieſe Vorgänge des Anſchauens, Vergleichens, Unterſchei⸗ dens, Zuſammenfaſſens und Urtheilens erneuert, je mehr es dabei die ungetheilte Aufmerkſamkeit einem einzigen und ſchwierigen Object ganz

beim Einzelnen, ſo auch bei ganzen Nationen Herder, in ſeinen Zugaben uͤber den Urſprung der Sprache, druͤckt dies kurz und treffend mit folgenden Worten aus:»Iſt die Sprache eines Menſchen, einer menſchlichen Geſell⸗ ſchaft ſchleppend, hart, verworren, kraftlos, unbeſtimmt, ungebildet, ſo iſt

Jes auch gewiß der Geiſt dieſer Menſchen, denn ſie denken ja nur in und mit der Sprache.