—20o die Statiſtik, die Handelsgeſetzgebung u. A. m.— ſo fragen hier mit dem Tone des Vorwurfs diejenigen, welche auf den Mangel einer beſonderen Handelsſchule hingewieſen haben. 1s
Leicht wäre es uns, das Beiſpiel einiger ſogenannter Handelsinſtitute nachzuahmen und all die hochklingenden Namen dieſer Fächer in unſer Programm aufzunehmen und in ein paar Stunden wöchentlich pro forma abzuhandeln. Vor einem ſolchen Schwindel bewahrt uns jedoch unſer pädagogiſches Gewiſſen. Zum erfolgreichen Eingehen auf dieſes Gebiet fehlt es ſelbſt dem beſtunterrichteten Schüler an der erforderlichen Reife, die er nur durch Erfahrung und Geſchäftskenntniß zu erlangen vermag.
Im Gegenſatze zu den Berufsarten des Richters, Arztes, des Architekten, deren Ausübung vor⸗ herrſchend auf einer wiſſenſchaftlichen Grundlage beruht, iſt der erfolgreiche Betrieb eines Handelsgeſchäftes vorherrſchend in der Praxis und Erfahrung begründet, in der eingehendſten Local⸗, Geſchäfts⸗ und Men⸗ ſchenkenntniß, die nur im Verkehr ſelbſt, durch frühzeitige und fortwährende Uebung gewonnen und bereichert werden kann. Daher ſehen wir ja, wie in handeltreibenden Familien, Stämmen und Völkern ſich ein Handelsgeiſt ausbildet, der eine eigenthümliche Handelsatmoſphäre erzeugt, die jedem darin Geborenen und Lebenden das Gepräge des Kaufmanns aufdrückt. In dieſem nothwendigen Herauswachſen des Kaufmanns aus dem Verkehr ſelbſt beruht deßhalb auch das Bedenkliche, den Lehrling länger als bis zum 16. Jahre in der Schule zurückzubehalten und dabei ſeiner Thätigkeit eine abſtracte, von dem Leben der Gegenwart entfernte Richtung zu geben.
Nichtsdeſtoweniger wird ſich immerhin ein und der andere Kaufmann finden, der ſeine Ausbildung nach einem weiteren Geſichtskreis zu bemeſſen hat. Es gibt Fragen des internationalen Verkehrs, der Handelsgeſetzgebung, der Beſteuerung, des Zollweſens u. A. m., bei welchen die gewöhnliche Erfahrung nicht ausreicht, Fragen, deren Löſung eines wiſſenſchaftlich geſchätften, ja ſtatsmäfziſchen Blickes bedarf, welchen die bloße Geſchäftsroutine nicht gewährt.
Für dieſe vereinzelten Ausnahmen im Bildungsbedürfniß des Handelsſtandes dürfte eine einzige wirkliche Handelsakademie hinreichen für ganz Deutſchland. Ja, vielleicht ließe ſich ſelbſt dieſe durch eine ſachgemäße Benutzung der zahlreich vorhandenen Univerſitäten erſetzen. Weiter ſtrebende Aſpiranten des Handelsſtandes werden am Beſten thun, hierin den Gang nachzuahmen, der neuerdings erfolgreich von vielen Aſpiranten des Maſchinenbaufaches eingeſchlagen wird. Nach Erledigung der Realſchule treten die⸗ ſelben drei Jahre an einer Maſchinenfabrik in die praktiſche Lehre und erſt nachher beſuchen ſie zur Vol⸗ lendung ihrer wiſſenſchaftlichen Ausbildung eine polytechniſche Schule. Auf gleiche Weiſe können unſere jungen Kaufleute zuerſt eine tüchtige Grundlage in der Realſchule ſich erwerben, hierauf ihre Lehrzeit gut beſtehen, ſelbſt noch ein oder das andere Jahr als Commis in ein Geſchäft eintreten. Sie werden nun⸗ mehr hinreichende Geſchäfts⸗ und Lebenserfahrung erreicht haben, um mit Verſtändniß und Erfolg wiſſen⸗ ſchaftliche Vorträge über Nationalbkonomie, Handelsrecht, Politik und verwandte Fächer zu hören— ja, auch noch weitere, ethiſch bildende Vorleſungen zu beſuchen. Sie werden in dieſem Alter der Gefahr ent⸗ fernter ſein, in den Strudel des Univerſitätslebens hineingeriſſen zu werden, der jungen Kuuſlenfen doppelt bedenklich iſt.
Wir wiederholen, daß es in der Eigenthümlichkeit des kaufmänniſchen Berufslebens begründet iſt, daß nur bei ſehr Wenigen die Verhältniſſe es geſtatten, einen ſolchen außerordentlichen Bildungsgang einzuſchlagen. Doch iſt eine Erweiterung der Ausbildung für die Uebrigen keineswegs ausgeſchloſſen, in⸗ dem das Privatſtudium hier ergänzend hinzutreten muß. Gleich wie wir vom Juriſt, Arzt, Lehrer ver⸗ langen, daß ſie fortwährend weiter leſen, arbeiten, forſchen— ſo verlangen wir von dem ſtrebſamen Kaufmann einen ähnlichen Fleiß. Unſere Literatur iſt reich an Bildungsmitteln gerade für ſeine Zwecke, und die Er⸗ gebniſſe der Forſchungen auf dem volkswirthſchaftlichen Gebiete ſind in verſtändlichen Zeitſchriften und Werken niedergelegt, Jedermann zugänglich. Eine große Auswahl bildender Lektüre iſt dem jungen Kaufmann


