Ueber Schiller's„Wallenſtein““.
Keſſing ſagt einmal:„Einen elenden Dichter tadelt man gar nicht, mit einem mittel⸗ mäßigen verfährt man gelinde, gegen einen großen iſt man unerbittlich.“
Wir haben das Glück, in unſerem Schiller einen Meiſter der dramatiſchen Dichtkunſt zu beſitzen, der, ſoviel überhaupt Menſchenarbeit dabei in Frage kommt, nicht am wenigſten durch die hohen Anforderungen, die er an ſich ſelbſt ſtellte, durch ſeine eingehenden Unterhaltungen mit ſeinen Freunden, durch eine fortwährende Selbſtcorrectur die herrlichſten Geiſteswerke ſchuf. Wie er ſich aber ſelbſt ſchwer genügte, ſo hat er auch uns gewöhnt, den ſtrengſten Maßſtab an die Werke ſeiner dramatiſchen Muſe und der dramatiſchen Kunſt überhaupt zu legen. Und wahrlich, ſo viel die Kritik auch zu tadeln gewußt hat, wir können uns bei jeder Aufführung ſeiner Dramen überzeugen, daß das Publikum von einer geweihten Stimmung ergriffen iſt, daß Alles ſich in Verehrung vor dem hohen Genius beugt.*) Iſt dies ſchon bei ſeinen Erſtlings⸗ verſuchen der Fall, die er ſelbſt als die unreifen Producte einer überſchäumenden Jünglings⸗ phantaſie überſtreng verurtheilt hat, wie viel mehr bei jenem Drama, das gewöhnlich als ſein Meiſterwerk betrachtet wird, bei dem„Wallenſtein“. Wer fühlt ſich durch„Wallenſtein's Lager“
nicht hineinverſetzt mitten in jenen unſeligen 30jährigen Krieg, wenn er das flotte Thun und Treiben der kaiſerlichen Truppen an ſeinem geiſtigen Auge vorüberziehen ſieht!
Sind es hier die niederen Elemente des Soldatenlebens, die unſer größtes Intereſſe in Anſpruch nehmen, ſo entrollt uns der Dichter in den„Piccolomini“ ein lebendiges Gemälde von den Offizieren, deren bei weitem größte Zahl ihr Glück unwiderruflich mit dem Wallen⸗ ſtein's verknüpft hat und entſchloſſen iſt, für ihn Alles zu wagen, ſelbſt einen Gang gegen den Kaiſer. 4
Wie führt er uns nun den Feldherrn ſelber vor, der bereits im„Lager“ den düſteren Hintergrund bildet und uns allmählich immer näher rückt?
*) Wie hoch Schiller in ſeinen Leiſtungen daſteht, das beweiſen zur Genüge die Verſuche, die von einzelnen gemacht wurden, die hinterlaſſenen Werke deſſelben zu vollenden. Wir reden hier nicht von den Schwierigkeiten, nach der Conception eines Andern zu arbeiten, wir denken nur an die Darſtellung, die— wie es Laube kürzlich in ſeinem„Demetrius“ gezeigt hat, gegen den Schiller's gehalten, geradezu ſchülerhaft genannt werden muß.
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