Aufsatz 
Hundert Jahre Elisabethenschule. Hofmannsches Institut Darmstadt. 1832 - 1932 / Hrsg. v. d. Leitung der Elisabethenschule
Entstehung
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immer ſpürbar war. Wir waren eine Gemeinſchaft, wo jedes galt, wo jeder Charakter, jede Veranlagung anerkannt wurde. DieGroßen und dieKleinen kannten ſich, ſpielten zuſammen in der Pauſe, man war

vertraut und befreundet. 34

In der Eliſabethenſchule erkannten wir auch, daß Unterricht kein trockenes Vermitteln von Lehrſtoff ſein muß. In lebendiger Zuſammen arbeit von Lehrenden und Lernenden erfaßte und erforſchte man die Pro bleme, erarbeitete man das Wiſſensgebiet. Auf jede einzelne kam es da an, jede einzelne konnte und mußte zur Erkenntnis und Erläuterung bei tragen, und je lebendiger und lebensvoller das war, deſto froher und intereſſanter geſtalteten ſich die Stunden. Am ſtärkſten erlebten wir das wohl bei Schweſter Eliſabeth, die Gott ſo früh aus dem Leben rief und derer wir hier in tiefer Verehrung und Dankbarkeit gedenken. Unermüd⸗ lich half ſie uns, eine Sache zu verſtehen, ſtellte ſie immer wieder neu vor uns hin und nötigte uns zu perſönlicher Stellungnahme; immer wieder rief ſie uns zur Verantwortlichkeit und Treue auf, denn über allem Lehrſtoff ſtand ihr das Menſchliche in uns, die Bildung des Charakters, den ſie zu feſtigen und zu vertiefen ſuchte.

Aber bei allem noch ſo ſchönen Unterricht freuten wir uns doch am meiſten, wenn ein Schulſpaziergang oder eine Feier bevorſtand. Was haben wir für wunderſchöne Wanderungen gemacht, in Odenwald und Bergſtraße, am Main, Neckar und vor allem am Rhein! Mit Sin gen, Wandern und Spielen verbrachten wir den Tag, und die Lehrerinnen, die uns begleiteten, machten immer feſte mit. Denkt ihr noch an die herrlichenRäuber und Gendarm-Spiele im Roßdörfer Wald, anVölkerball auf Waldwieſen, an die Wanderung nach Kloſter Engelberg am Main, an Heidelberg und an unſere Rheinfahrt? Und denkt ihr noch an all die ſchönen Feſte, z. B. die Adventsfeier? Wenn am Samstag vor dem erſten Advent ganze Körbe voll Tannengrün zum Schmücken gebracht wurden und die J. Klaſſe gemeinſam mit den Lehre rinnen Zweige und Adventsſprüche für Groß und Klein richtete? Die ganze Schule duftete nach Harz und Tannen, denn jede Klaſſe erhielt ein weihnachtliches Gepräge; das kleinſte Bild an der Wand bekam ſein Zweiglein, und ſogar die Tafel wurde wobei mehr die gute Abſicht, als die künſtleriſche Ausführung zu loben war! mit Tannenzweigen, Sternen und verſchneiten Häuschen bemalt. Am erſten Adventsmontag zog man dann klaſſenweiſe in den feſtlich geſchmückten Saal der Loge nebenan(die Turnhalle beſtand ja damals noch nicht). Und hier ſangen wir die ſchönen alten Adventslieder und hörten unſere Mitſchülerinnen die Bibelweisſagungen aufſagen. Jeden Morgen zündeten wir zur Andacht die Kerzen am Adventskranz an, bis Weihnachten kam und wirunſer Krippenſpiel feierten. Da wurde die Stiftskirche zu Bethlehems Stall, Maria und Joſeph knieten vor dem Kinde, die Hirten und die heiligen drei Könige zogen unter Geſang heran, es anzubeten. Eifrig und mit großer Hingabe war vorher geprobt worden, aber wir hatten nie das Gefühl einerAufführung, ſondern einer wirklichen, weihevollen Feier.

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