Aufsatz 
Festschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens der Großherzogl. Landwirtschaftsschule zu Groß-Umstadt am 20. und 21. September 1913
Entstehung
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Als aber durch die Maßnahmen Friedrichs des Großen und anderer deutſcher Fürſten, durch die Einflüſſe der franzö⸗ ſiſchen Revolution und ganz beſonders durch die Agrargeſetz⸗ gebung Steins die volle Befreiung des Grundeigentums zur Wahrheit, der Bauer alſo frei geworden und ſomit die Mög⸗ lichkeit zur dauernden Entwicklung eines mittleren Bauernſtandes gegeben war, fing auch das Streben dieſes Standes an, ſich geiſtig zu regen, zu recken, emporzuarbeiten, ſich anderen Be⸗ rufsſtänden gleichzuſtellen und ebenbürtig zu zeigen. Außer⸗ ordentlich günſtig war die Wirkung der preußiſchen Agrar⸗ reformen.In materieller, geiſtiger und ſittlicher Beziehung machte der Stand ſowohl der Großgrundbeſitzer wie der Bauern gewaltige Fortſchritte.

Dazu kam noch der Umſtand, daß ſich in jener Zeit ein be⸗ deutender Um⸗ und Aufſchwung auf faſt allen naturwiſſen⸗ ſchaftlichen Gebieten, beſonders auf dem chemiſchen und phyſio⸗ logiſchen Gebiet, vollzog. Die alten, unbrauchbar gewordenen Anſchauungen und Theorien flogen über Bord, das ganze naturwiſſenſchaftliche Gebäude wurde auf feſtere und ſicherere Grundlage aufgebaut und neu eingerichtet.

Das Alte ſtürzt, es ändert ſich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen.

Allüberall fanden die Geſetze der Naturwiſſenſchaften Ein⸗ gang, und unter ihrem Einfluß nahmen auch die Grundanſchau⸗ ungen über das Leben der Organismen andere und feſtere Geſtalt an. Thaer und ſeine Schüler erkannten und zeigten, daß die Grundlage eines rationellen landwirtſchaftlichen Be⸗ triebs nur auf einer umfaſſenden naturwiſſenſchaftlichen und volkswirtſchaftlichen Bildung fußen, und daß die Landwirt⸗ ſchaftslehre eine ſelbſtändige Wiſſenſchaft ſein müſſe.

Jetzt kam auch der Bauernſtand allmählich zur Erkennt⸗ nis, daßWiſſen eine Macht iſt, daß ſich auch beim an⸗ gehenden Landwirt geiſtige und ſittliche Kraft zur körperlichen geſellen muß, daß für ihn eine umfaſſende Allgemeinbildung wie Fachbildung nötig iſt. Aus dieſer Erkenntnis erwuchs das Verlangen nach geeigneten Lehranſtalten, die die erſtrebte Bil⸗ dung vermitteln könnten.

Nun liegt es in der Natur der Sache, daß die Männer, die die Landwirtſchaftslehre zu einer ſelbſtändigen Wiſſenſchaft erhoben haben, ſolche Lehranſtalten wünſchten und ſchufen, die der Forſchung und dem Unterricht zugleich dienen und als landwirtſchaftliche Hochſchulen oder Akademien