I. Erhebung Heinrichs des Kindes in den Reichsfürstenstand.
a. Entwiocklung, Begriff und Ausdehnung des Fürstenstandes in Deutschland.
Will man die Erklärung König Adolfs von Nassau vom 11. Mai 1292, wodurch er in der Wahlstadt der deutschen Könige Heinrich das Kind v. Brabant, Herrn von Hessen, in den Reichs- fürstenstand erhoben hat, in ihrer weittragenden Bedeutung für die territoriale Geschichte unserer engeren Heimat, sowie für das staatliche Gesamtdasein unseres ganzen Volkes richtig einschätzen, so muss man auf die eigenartige Entwicklung eingehen, die der Begriff des Fürstentums in Deutschland gegen Ende des 12. Jahrh. genommen hat. ¹
Alle fürstlichen Gewalten in Deutschland nahmen be- kanntlich ihren Ursprung in letzter Linie in einem Amt: Grafen, Landgrafen, Pfalzgrafen, Markgrafen, Herzoge, Bischöfe, Reichs- äbte; nur der Umfang der innegehabten Amtsgewalt war ver- schieden. Dieses Amt entschied über die fürstliche Stellung, auch die Grafen gehören zu den principes imperii. Darin vollzog sich jedoch im Laufe der Zeiten ein Wandel; allmählich verblasste die Erinnerung an diesen Ursprung, bis sie im 12. Jahrh. ganz ver- schwunden ist. Diese Entwicklung ward gefördert und beschleu-
¹ Zu der ganzen Frage vgl. Jul. Ficker, Vom Reichsfürstenstande 1861; Ders., Vom Heerschilde 1862.— J. Berchtold, Die Entwickelung der Landes- hoheit in Deutschl. in d. Periode von Friedr. II bis z. Tode Rudolfs v. Habsb. 1863.— L. Weiland, Das sächs. Herzogtum unter Lothar u. Heinr. d. Löwen. 1866.— H. Grauert, Die Herzogsgewalt in Westfalen seit d. Sturze Heinrichs des Löwen. 1877.— H. Hecker, Geschichte der territorialen Politik Erz- bischofs Philipp I. v. Köln. 1883(Hist. St.).— A. Hauck, Die Entstehung d. bischöfl. Fürstenmacht Univ. Schr. Leipzig 1891.— G. v. Below, Territorium u. Stadt. 1900.— 8. Rietschel, Das Burggrafenamt u. d. höh. Gerichtsbarkeit in den deutschen Bischofsstädten während des früheren Mittelalters. 1905.— K. Fr. Eichhorn, Deutsche Staats- u. Rechtsgesch. II. 416 ff.; III, 223 ff.— G. Waitz, Deutsche Verfassungsgesch. VII, 302 ff., VIII, 415 ff.— Rich. Schröder, Lehrb. d. deutschen Rechtsgesch., 5. Aufl. 1907,§ 45 S. 503 die Fürsten,§ 50 S. 599 ff. die Territorien(mit ausführl. Literaturangabe).— K. Lamprecht, Deutsche Gesch. III, 76— 81.— Gebhardt, Handb. d. d. Gesch. 3. Aufl., I,§ 99, S. 466.


