Aufsatz 
Die Staatstheorie von Hobbes und Spinoza nach ihren Schriften "Leviathan" und "tractatus politicus" verglichen / von Karl Gaul
Entstehung
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IIV. Beilage: Bie Staatstheorie von Bobhes und Spinoza

nach ihren SchriftenLeviathan undTractatus politicus verglichen von

Dr. Karkl Gaul, Großh. Reallehrer.

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§ 1. Hobbes iſt der Zeit nach der zweite in dem Empiriſtencyclus der engliſchen Philo⸗ ſophen, die das Auguſteiſche Zeitalter des philoſophiſchen Forſchungsgeiſtes Englands repräſentieren. Er, der unmittelbare Nachfolger und Schüler Bacon's of Verulam, in gewiſſem Sinne der Erbe der Ideen dieſes Empiriſten, nahm mit richtigem Geiſte deſſen Syſtem auf und ſetzte es da fort, wo jener es unvollendet gelaſſen hatte, nämlich in der Politik und der Religion. Dieſe Punkte nur kurz zu berühren, dazu hatte der Hofintrigant Baco vollberechtigte Gründe, und erſt Hobbes fand den Mut, ſeine Anſichten offen darzulegen, ohne die Verfolgungen, die ihm notwendig daraus erwachſen mußten, zu ſcheuen. Doch, im Gegenſatz zu ſeinem Vorgänger, ſchlug er einen andern Weg ein zur Löſung der noch offenen Fragen, nämlich den auf der deduktiven Methode beruhenden, während Baco, als reiner Empiriſt ſtets die Induktion in den Dordergrund ſtellt. Hobbes hat es ſich zur Aufgabe gemacht, die ſittliche Welt aus der Natur

jenes künſtlichen Vertrags der Menſchen untereinander, d. h. des Staates, abzuleiten, und dieſen letzteren wieder aus dem Naturzuſtande der Menſchen zu deduzieren. Aus dieſem letzteren, aus dem Urzuſtande des Menſchengeſchlechtes, in dem ſich die Natur noch ungeſchminkt und uneingeſchränkt offenbart, leitet nun Hobbes ſeine naturaliſtiſche Politik ab. ¹)

Ein Genie von ganz anderen Grundſätzen, mit einem ganz andern Syſtem, das jedoch anderſeits wieder eine außerordentlich große Verwandtſchaft mit Hobbes zeigt, war der der rationaliſtiſchen Schule des Carteſius entſtammende Spinoza, derjenige unter den drei großen philoſophiſchen Politikern der Neuzeit, der in der Mitte ſteht; er bildet den Übergang von Hobbes, der den Boden desstatus naturalis vollſtändig verläßt, zu Rouſſeau, der ihn überhaupt nicht verläßt.²) Während dieſe beiden uns im Grunde genommen abnorme Zu⸗ ſtände vor Augen führen, hält ſich Spinoza hiervon frei und deshalb iſt auch ſeine Theorie den modernen Anſchauungen über einen Staat am meiſten angemeſſen.

§ 2. Unſre Aufgabe beſteht nun hauptſächlich darin, mit Zugrundelegung des 2. Teiles von Hobbes Leviathans), ſowie von Spinozas Tractatus politicus:*) die Punkte zu erörtern, in denen Hobbes und Spinoza in Beziehung auf ihre politiſchen Anſichten von einander ab⸗ weichen. Ich glaube, daß die Verſchiedenheit ihrer beiderſeitigen Syſteme ſich am deutlichſten in der Darlegung der monarchiſchen Verfaſſung klarſtellen läßt; einmal deshalb, weil Hobbes

¹) Cf. K. Fiſcher, Geſchichte der neueren Philoſ., Bd. 1 p. 427.

¹) Cf. K. Fiſcher, a. a. O. p. 436. ³) Thomae Hobbes Opera philosophica, tom. III. ed. Molesworth, Lond. 1841. ) B. de Spinoza, Opera quae supersunt omnia, tom. II, ed. Paulus, Jena 1802/03.