Aufsatz 
Beiträge zur Entwickelungsgeschichte der phanerogamen Blüthe / Karl Schenck
Entstehung
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von einer eigentlichen Verwandlung eines Organes in ein anderes keine Rede ſein, und finden wir alſo z. B. an einer Stelle, wo ſonſt ein Staubblatt zu ſtehen pflegt, ein Blumenblatt, oder an der Stelle eines Blumen⸗ oder Kelchblattes ein Laubblatt, ſo wird die Bezeichnung dieſes Verhältniſſes als Stellvertretung die einzig richtige ſein.

Es wird nach dieſer Darſtellung einleuchten, daß es ſich empfiehlt, alle Bezeichnungen, wie Umbildung, Umwandlung, und beſonders auch das Wort Metamorphoſe, das man durch die verſchiedenſten Erklärungen immer noch zu halten ſucht, ganz fallen zu laſſen oder nur mit größter Vorſicht zu gebrauchen. Statt der Lehre von der Metamorphoſe, der zwar das große Verdienſt nicht abzuſprechen iſt, zuerſt auf die nahen Beziehungen der Pflan⸗ zenorgane zu einander aufmerkſam gemacht zu haben, die aber wegen der unzweckmäßigen Bezeichnungsweiſe dem richtigen Verſtändniß des Pflanzenbaues ſtets Eintrag thun wird, haben wir jetzt die weit klarere und beſſer ausgebildete Lehre von den Grundorganen, ihren Modificationen und ihrer gegenſeitigen Stellvertretung.

Entwickelungsgeſchichte der Blüthe von Lamium album.

Um die vollſtändige Entwickelungsgeſchichte einer Blüthe an einer Jedermann leicht zugänglichen, aber dennoch wegen der durchgehenden Symmetrie ihrer Blüthe, ſowie der Eigen⸗ thümlichkeit ihrer Fruchtanlage beſonders intereſſanten Pflanze vorzuführen, iſt eine ſolche aus der Familie der Lippenblüthler oder Labiaten, die allgemein bekannte weiße Taubneſſel, Lamium album, gewählt worden.

Der Entwickelungsgeſchichte der Blüthe hat nun an dieſer Stelle eigentlich eine ausführ⸗ liche Betrachtung der entfalteten Blüthe nach Form und Strukturverhältniſſen und deren Beziehungen zu einander vorausgehen ſollen, indem die erſtere leichter verſtanden wird und mehr an Intereſſe gewinnt, wenn das complicirte Gebäude ſchon genau bekannt iſt, zu welchem die allereinfachſten Anfänge allmälig ſich umgeſtalten müſſen. Weil aber der hier geſtattete Raum dadurch zu ſehr überſchritten worden wäre, ſo mußte dieſer beſonders ausgedehnte Theil leider wegfallen. Da bei der folgenden Entwickelungsgeſchichte auf dieſen ausgefallenen Abſchnitt faſt überall Bezug genommen war, ſo wurde nun eine raſche Aenderung, ſowie eine weitere Ausführung an vielen Stellen noch nöthig, ohne daß jedoch der Nachtheil dieſes Wegfalls für das Verſtändniß dadurch vollſtändig beſeitigt ſein möchte.

Jede Blüthe erſcheint bei ihrer erſten Anlage als ſehr ſchwach gewölbtes, rundliches, grünes Zellenkörperchen, aus Urparenchym beſtehend und dem Anfange einer gewöhnlichen Zweigknoſpe, ſowie demjenigen eines jungen Blattes durchaus ähnlich. Es iſt dies die Axe der zukünftigen Blüthe, häufig zugleich die erſte Anlage für einen ganzen Blüthenſtand. Dieſe allererſte, höchſt einfache Andeutung der Blüthe haben wir bei Lamium album ſtets nahe dem oberſten Ende des Stengels oder eines Zweiges zu ſuchen, am beſten in den Winkeln des zweitoberſten Blattpaares, welches freilich ſelbſt immer noch mikroskopiſch klein iſt.

Die Meſſung einer ſolchen kegelförmigen Erhöhung in der Achſel des zweitoberſten Blattes

ergab als Höhe.... 0,00003 bei einem Durchmeſſer von 0,00233.

Zunächſt erfolgt nun das weitere Wachsthum hauptſächlich in die Höhe ohne beſondere Vergrößerung des Durchmeſſers.

Die Höhe einer anderen Knoſpe war z. B. bei ungefähr gleichem Durchmeſſer ſchon 0,00347.