Aufsatz 
Naturgeschichte der Ameisen und Anleitung zur Bestimmung der nassauischen Arten : 1. Theil / Schenck
Entstehung
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nannte ſie weiße Ameiſen, unter welchem Namen ſie auch jetzt noch oft in Reiſebeſchreibungen vorkommen. Sie ſind aber weſentlich von den Ameiſen verſchieden und gehören zur Ord⸗ nung der Netzflügler(Neuroptera) ¹J. Die in Tropenländern vorkommende Gruppe der Dorylidae(Dorylus und Labidus) ſteht in der Mitte zwiſchen den Ameiſen und den eben erwähnten Mutillen, gehört aber zu den Ameiſen. Man kennt von ihnen nur die Männchen, und Manche rechnen als Weibchen oder Arbeiter die augenloſen Ameiſen⸗Gattungen Typhlopone und Anomma dazu.

§. 2. Die äußeren Körpertheile. Wie bei allen Inſekten, ſo zeigt auch bei den Ameiſen der Körper drei, durch Einſchnitte getrennte Theile: Kopf, Bruſt(oder Thorax) und Hinterleib.

I. Der Kopf trägt die Fühler, Augen und Freßwerkzeuge.

1) Die Fühler(Antennen)²] ſitzen vorn an dem Kopfe in den Fühlergruben. Bei den W. und A. der einheimiſchen Ameiſen beſtehen ſie, außer dem kleinen Grundgliede, aus 11 12 Gliedern, bei den M. faſt immer aus einem Gliede mehr, ſelten bei A. und M. nur nus zehn; bei ausländiſchen Ameiſen kann die Gliederzahl bis auf fünf herabſinken. Das Glied 1 iſt bei den W. und A., oft auch bei den M. ſehr lang, und der Fühler an deſſen Ende winkelig gebogen. Solche Fühler heißen gebrochen, das lange Glied 1 der Schaft, die folgenden die Geißel, deren Glieder ſich bei den A. und W. oft nach dem Ende hin verdicken, ſo daß mehrere(2 bis 5) Endglieder eine ſogenannte Keule bilden. Bei dieſer Beſchaffenheit der Geißelglieder heißen die Fühler keulenförmig, bei gleichdicken Gliedern fadenförmig⸗

2) Die Augen ſind bei den W. und M., aber nicht immer bei den A. von zweierlei Art. An den Seiten des Kopfes ſitzen zuſammengeſetzte Augen(Netzaugen), aus ſechseckigen gewölbten Aeugelchen(Facetten) zuſammengeſetzt, bei W. und A. faſt flach, bei M. ſtark gewölbt und vorragend. In Vergleich zu andern Inſekten ſind ſie bei den Ameiſen klein und beſtehen aus wenig zahlreichen Facetten, z. B. bei Formica nur aus 50, dagegen bei unſerer Honigbiene aus 7000, bei einer Waſſerjungfer aus 12,544, bei einem Schmetterlinge aus 17,355, bei der Käfergattung Mordella aus 25,088. Bei den W. und M., aber nicht immer bei den

1] Ueber die Termiten enthält die Linnaea entomologica, X. Bd. 1855, XII. Bd. 1858 und XIV. Bd. 1860 eine ausführliche Monographie von Dr. Hagen. 2]) Ueber den Zweck dieſer geheimnißvollen Organe, welche keinem Inſekt fehlen, aber die mannichfaltigſten Verſchiedenheiteu in ihrem Baue zeigen, ſind die Anſichten der Natur⸗ forſcher verſchieden. Ohne Zweifel dienen ſie zum Fühlen, allein nicht ausſchließlich. Auf Beobachtungen an ein⸗ zelnen Inſekten und auf ihren anatomiſchen Bau geſtützt, halten Viele ſie für Geruchs⸗, Andere für Gehör⸗Organe; die erſtere Anſicht iſt die begründetſte. Bei Bienen und Ameiſen ſind ſie zugleich Sprachorgane. Von ihrem Bau bei der Honigbiene handelt: J. Samuelſon, die Honizbiene, ihre Naturgeſchichte, Lebensweiſe und mikros⸗ kopiſche Schönheit, äus dem Engliſchen von Müller; Nordhauſen, 1862, S. 40 46. Ueeber die äußere und innere Organiſation der Inſekten geben folgende Schriften ausführliche Belehrung mit Erlänuterung durch Abbildungen: 1) Burmeiſter, Handbuch der Entomologie, Bd. I. 2) Kirby und Spence, Einleitung in die Entomologie, deutſch von Oken, 4 Bde. 3) Lacordaire, introduction à l'entomologie, 2 Bde. 4) Müller, Terminologia entomologica, 1860. 5) C. Th. v. Siebold und Stannius Lehrbuch der vyrgleichenden Anatomie, I. Theil, wirbelloſe Thiere, von C. Th. v. Siebold, Berlin 1848. Eine vortreffliche Ueberſicht aller Inſekten⸗Familien mit Rückſicht auf Lebensweiſe und Entwicklung, erläutert durch Abbildungen, enthält: Westwood, Introduction to the modern classification of Insects, 2 Bde., London, 1840. Sehr brauchbar für den Schulgebrauch iſt: Glaſer, Naturgeſchichte der Inſekten mit beſonderer Berückſichtigung der bei uns einheimiſchen, für die gebildete Jugend höherer Lehranſtalten, ſowie überhaupt für Naturfreunde überſichtlich dargeſtellt und mit einer Inſektenflora verſehen, Caſſel 1857. Monographiſche Werke über einzelne Ordnungen, Familien und Gattungen der Inſekten ſind zu einem gründlichen Studium zu empfehlen; ihre Angabe erlaubt der dieſer Abhandlung geſtattete Raum nicht.