Aufsatz 
Höhere Bürgerschule zu Grünberg in Hessen. Festschrift zur Einweihung des neuen Schulgebäudes am 23., 24. und 25. September 1911 / zusammengestellt von Angelberger
Entstehung
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1. Die Grünberger Lateinſchule.*)

Schon im Mittelalter war Grünberg, das ſich nach ſeiner im Jahre 1186 erfolgten Gründung raſch entwickelte und bald zu den erſten Städten Oberheſſens gehörte, der Sitz von gelehrten Schulen. Wie überall, ſo ſtand auch bei uns in erſter Zeit der Jugendunterricht mit kirchlichen Einrichtungen in engſtem Zu⸗ ſammenhang; eine Stiftsſchule wurde unterhalten von den Chor⸗ herrn des Antoniterkloſters in unſerem heutigen Schloſſe, aller⸗ dings beſchränkt in der Zahl und Wahl der aufzunehmenden Scholaren und hauptſächlich für kirchliche Zwecke, die Heran⸗ bildung junger Klerikalen beſtimmt. Die Einführung der Refor⸗ mation und die Aufhebung des Kloſters läßt dieſe Schule wieder verſchwinden. 4

Das ſelbſtbewußte und unternehmungsluſtige Bürgertum der Stadt ſtellte der Stiftsſchule bald unter einem beſonderen Lehrer eine Stadtſchule gegenüber, die bereits 1353 urkundlich erwähnt wird und unter der örtlichen Aufſicht des Pfarrers und des Rates ſtand. Sie ſollte den Intereſſen des Bürgerſtandes dienen, war jedoch in der inneren Verfaſſung eine Art Nachbil⸗ dung der Stiftsſchule, denn das Latein fand in unſerer Stadt⸗ oder Lateinſchule eine beſondere Pflege.

Bereits 1545 wird an der Lateinſchule die Stelle eines Lehrgehilfen, des Kollaborators oder Unterſchulmeiſters errichtet, dem die Unterweiſung der Anfänger oblag, ſodaß dem erſten Lehrer, dem Rektor, mehr Zeit und Kraft verblieb, um in den oberen Jahresklaſſen den Unterricht weiter auszubauen. So wurde damals außer Religion, Leſen, Schreiben, Muſik und Rechnen die lateiniſche Grammatik, die Lektüre leichter latei⸗ niſcher Schriftſteller und zuweilen auch Logik und Rhetorik ge⸗ lehrt, während das Griechiſche erſt im 17. Jahrhundert als Unterrichtsfach hinzukommt.

Schon 1594 ſehen wir, allerdings nur als vorübergehende Einrichtung, einen dritten Lehrer an der hoch im Anſehen ſtehen⸗ den Schule, 1606 wiederum einen ſolchen. Als ſogenannter

*) Quellen zu dieſem Abſchnitt: Diehl, Schulordnungen für das Groß⸗ herzogtum Heſſen. Für bereitwillige Überlaſſung ihrer Akten ſei auch Großherzoglicher Kreisſchulkommiſſion Gießen herzlicher Dank geſagt.

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