Aufsatz 
Materialien für den lateinischen Unterricht
Entstehung
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einen entschiedenen Bruch mit dem Herkömmlichen, sie stellen an die häusliche Vorberei⸗ tung des Lehrers, an seine Wachsamkeit, Umsicht und Findigkeit wesentlich höhere For⸗ derungen, sie setzen die Gewöhnung an selbständiges pädagogisches Denken in ganz anderem Grade voraus, als die Bücher von Ostermann und Spiess. Daher erklärt es sich, dass trotz aller Mängel gerade die Uebungsbücher von Spiess und Ostermann sich allge⸗ mein verbreitet haben und die im Unterrichte erzielten Resultate keineswegs schlechte zu nennen sind. Ja, dass ein einseitiges Betonen nur lateinischen Lesestoffs Gefahren birgt und durch rein gedächtnissmässes Aneignen des Inhalts die Bedeutung der Form unterschätzt wird, zeigen Uebersetzungen, die Schrader im Jenenser Programm 1880 S. 21 mitteiltavus habet magnum hortum der Grossvater hat Länder und Gärten,mo⸗ destia ornantur puellae ihr Mädchen sollt bescheiden sein, oderBescheidenheit schmückt. die Mädchen. Wird der Schüler indess neben dem Uebersetzen aus dem Lateinischen ins Deutsche auch in dem Uebersetzen aus der Muttersprache in die fremde angehalten und geübt, so wird er zweifelsohne genötigt schärfer nachzudenken und erlangt mit der Zeit eine grössere Selbständigkeit. Ich stimme daher Klügel ²¹) zu, wenn er sagt:Ich halte nach wie vor das Uebersetzen aus dem Deutschen ins Lateinische für erspriesslicher. Galt es bei einem lateinischen Satz ein Rätsel zu lösen, wobei doch dann ab und zu ein gewisses Raten mit, hineinspielt, so gilt es bei einem deutschen Satze doch einen höheren Grad von Scharfsinn aufzuwenden; es ist leichter in dem Satzeagricolae arant campos nach der Uebersetzung der ersten beiden Wortedie Bauern pflügen campos alsdie Felder zu erkennen oder auch zu erraten, als umgekehrtdie Bauern pflügen die Fel⸗ der nach der Uebersetzung des ersten Teilsdie Felder durchcampos wiederzugeben; der Prozess der Frage nach dem Objekt muss erst im Geiste des Knaben durchgemacht werden, sonst wird er zwischen campi und campos schwanken. Neben dieser stärkeren Forderung an das Denken kommt aber noch ein wesentliches Moment hinzu: bei dem Uebersetzen aus dem Deutschen ins Lateinische produziert der Schüler mehr, er schafft selbst; bei den lateinischen Sätzen steht die fremde Form fertig vor ihm, für die er die Auflösung bald findet, bei den deutschen Sätzen gilt es eignes in fremdes umzusetzen und fremdes nach eignem Ermessen schöpferisch zu gestalten; so ist sein Wissen nicht nur eine Hilfe, sondern wirklicher Stoff um etwas hervorzubringen. Ein jedes Schaffen aber erzeugt Freudigkeit, und ist diese erst erzielt, dann ist viel gewonnen. Die Wich⸗ tigkeit und Bedeutung der Uebersetzung in die fremde Sprache wurde auch auf der 9. Generalversammlung der Lehrer der höheren Unterrichtsanstalten zu Hersfeld 1883 durch Annahme der Thesen des Herrn Dr. Steiger(Wiesbaden) anerkannt, der überdies auch die Berechtigung der Einzelsätze auf der untersten Stufe hervorhob.Ich glaube, sagt Steiger ²²), dass eine gewisse Richtung im Begriffe ist, das Kind mit dem Bade auszu⸗ schicken. Man fordert völligen Ausschluss aller Einzelsätze, die ja allerdings stellenweise zu einem wahren Uebermass von Trivialität und Buntscheckigkeit des Inhaltes geführt, haben. Aber man wird doch schwerlich leugnen können, dass im Anfangsunterricht des Lateinischen und Griechischen durch einzelne Sätze die Grammatik, Formenlehre wie

n a. a 0. 8. 9. 22) Protokoll der Generalversammlung zu Hersfeld S. 8.