Aufsatz 
Sprachgeschichte in der höheren Mädchenschule
Entstehung
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dem Leben des Volkes ſelbſt. So hat die Sprache der ſiegreichen Römer in Frankreich bekanntlich die einheimiſche ſogar völlig verdrängt, ſo kämpft vor unſern Augen das Deutſchtum in Rußland den Todeskampf und wie ſieht es in dem verbündeten öſterreich aus! Ein nahe⸗ liegendes Beiſpiel bietet für die Schule die Geſchichte der engliſchen Sprache. Als die Normannen England eroberten, war zu erwarten, daß alle Ausdrücke, die ſich auf Herrſchaft und Beſitz beziehen, franzöſiſch würden, alle diejenigen aber, die ſich auf die unveräußerlichen Güter des Lebens beziehen, ihrem germaniſchen Namen treu bleiben würden. Zu den Wörtern franzöſiſchen Urſprungs gehören dementſprechend: sovereign, sceptre, throne, royalty, prince, duke, palace. castle, homage. Zu den angelſächſiſchen Wurzeln gehören: die Naturmächte: earth, water. sun, star, moon; die Verwandtſchaftsnamen: father, mother, sun, daughter, brother, wife, die Namen der Jahreszeiten: spring, summer, winter. Das Haus des Vornehmen iſt ſein palais, palace, das des ſchlichten Mannes ſein Heim und Haus, home, house. Intereſſant iſt, wie die Tiere ox, calf, swine, deer mit dem franzöſiſchen Worte bezeichnet werden, ſobald das Raffinement der franzöſiſchen Küche Hand an ſie legt; dann wird ox zu beef, boeuf, calf zu veal, veau, swine zu pork, porc, deer zu venison, venaison.

Doch auch unſerer Mutterſprache müſſen wir gedenken. Hier kommt zunächſt der überwiegende Einfluß der Römer in Betracht, welche durch ihre Handelsbeziehungen zuerſt ein friedliches und dauerndes Band zwiſchen beiden Völkern knüpften. Daher ſtammen denn Wörter wie Münze, Pfund, Straße, Meile. Allmählich wurden die Germanen ſeßhafter und auch in dieſem Stadium ihrer Entwickelung wurden die Römer ihre Lehrmeiſter, wie uns Wörter bezeugen wie Mauer, Keller, Turm, Söller, Kammer, Ziegel, Pforte und viele andere. Mit der Seß⸗ haftigkeit aber kam allmählich eine verfeinerte Lebenshaltung und ſo entlehnten unſere Väter der vorgeſchrittenen Cultur der Römer denn eine Menge dahin gehörender Begriffe wie: Küche, Schüſſel, Tiſch, die Namen von Tieren wie Eſel, Maultier, Katze, Pfau und von vielen Pflanzen wie Kirſche, Pfirſich, Pflaume, Birne, Feige, Rettig, Lattich, Kohl, Roſe, Veilchen und die Ausdrücke des Weinbaus wie Wein, Winzer, Moſt, Kelter, Becher, Preſſe, Propfreis, Kufe. Auf das heidniſche Rom folgt das chriſtliche mit Lehnwörtern wie Prieſter, Abt, Meſſe, Vesper, Predigt, Kreuz, Orgel, Altar, Tempel. Aber nicht nur vom Süden, ſondern auch vom Weſten her macht ſich romaniſcher Einfluß geltend und zwar am bemerkbarſten in denjenigen Zeiten, in welchen Frankreich eine geiſtige oder politiſche Überlegenheit über Deutſchland beſaß, alſo zur Zeit der höfiſchen Poeſie des Mittelalters und unter Ludwig XIV. Auf dieſen Urſprung weiſen Ausdrücke der höfiſchen Cultur wie Lanze, Turnier, Abenteuer, kurz allesFeine, denn fein ſelbſt ſtammt hierher. Ja, urſprünglich deutſche Wörter wandern, mit franzöſiſcher Marke verſehen, wieder nach Deutſchland zurück wie Balkon von Balken, Salon von Saal, Herold von Heer⸗ beamter, Fauteuil von Faltſtuhl, Bankett von Bank. Bezeichnend für die Lebensatmoſphäre des franzöſiſchen Hofs, die uns aus den Briefen unſerer trefflichen Pfälzer Lieſe Lotte ſo ſchwül entgegenweht, iſt die Wahl von Wörtern wie galant, nett, charmant, kokett, brillant, Chikane, Intrigue, Courtoiſie. Wurde doch damals und durch den 30jährigen Krieg unſere Sprache durch franzöſiſches Weſen ſo erdrückt, daß Logau bekanntlich in den Stoßſeufzer ausbrach:

Diener tragen insgemein ihrer Herren Liverey! Soll's denn ſeyn, daß Frankreich Herr, Deutſchland aber Diener ſey? Freies Deutſchland, ſchäm' dich doch dieſer ſchnöden Knechterey!