Aufsatz 
Plinius der Jüngere und Cassiodorius Senator : kritische Beiträge zum 10. Buch der Briefe und zu den Varien / von Ludwig Schaedel
Entstehung
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Altertum ab, und gewiß iſt dieſerletzte Römer, Caſſiodor, unſerer ganzen Hochachtung wert. Zu ſeinen theologiſchen Schriften, die er als Mönch geſchrieben, reicht keine Brücke hinüber, keine Erinnerung, und ſelbſt an der Stelle, wo er 104(unſer 105), V. 22 auslegend vom Patriarchen Joſef bemerkt: quae potestas a praefectis hodie retinetur, qui et vice sacra judicant et cunctarum provinciarum potestatem maximam habere noscuntur, da erinnert er ſich nicht an Var. 8, 20, wo er eben den Patriarchen Joſef als den erſten praefectus praetorio bezeichnete, und verſagt ſich den Hinweis darauf, wie lange und in welch großer Wendung der italiſchen Geſchichte er dies Amt bekleidet hat 1X).

Daß des Plinius Briefwechſel mit Trajan uns in einer nicht allzu geſchickten Überarbeitung vorliegt, glaube ich dargethan zu haben; Senators Varien zeigen in Citaten und mehrfachen Stoffnachahmungen einen engeren Zuſammenhang mit jenen Briefen als bloß den allgemeiner Ähnlichkeit. Für Plinius haben wir die Glaubwürdigkeit beſchränkt, für den Senator erleichtert. Beider Ziel iſt gleich: ihrer Gegenwart das höchſte Gut des Vaterlands in einer ſtarken Königsmacht zu zeigen, die ihr Recht auf Macht durch überallhin ausgeſtrömte Segnungen immer neu darthut und ſich auch vor der Zukunft(ne ignorentur tanta regum beneficia, Var. praef. lib. I.) hierdurch legitimiert. Nicht ſo frei von Selbſt⸗ ruhm zeigt in der neueren Geſchichte der frühere Miniſter Sully(nach M. Ritter und Philippſon) die verſchönerte Geſchichte des Bourbonen Heinrich IV., dem er gedient.

In dieſer Abſicht beider Sammlungen liegt aber auch die Grenze ihres geſchichtlichen Wertes.

Anmerkungen.

) zu S. 3. Wie ſorglos des Garetius Ausg. Venetiis, 1729, angelegt iſt, zeigt z. B., daß ein ganzer Folio⸗ ſeitenſatz(p. 130) ſich verirrt hat(auf p. 135): ein Vorfall, der auch bewanderten Bibliophilen kaum je vor Augen gekommen ſein dürfte. Und dazu leichtſinnige Textfehler: ſogleich p. 1 pascibus ſtatt fascibus; corpori ſtatt torpori 7, 21; manus duplices ſtatt supplices 11, 13; malefidus ſtatt maleficus 12, 1; partibus ſtatt patribus 10, 8; com- moda ſtatt commodo 11, 33; beſonders in Namen: sontium ſtatt Isontium 1, 18; Justinus gar ſtatt Justinianus 8, 1; Hasdirigorum ſtatt Hasdingorum 9, 1; Idae duci ſtatt Ibae 4, 17, wo auch die Genfer Ausg. das Richtige hat, wie überhaupt manchmal: aditus ſtatt auditus 11, 32 oder nostris auspiciis ſtatt hospitiis 11, 5. Freilich hat auch die Genf. Ausg. das 9, 18 von Fornerius vorgeſchlagene excedentis verecundia ſtatt decentis zurückgewieſen, und hat unverzeihliche Fehler(Henrici ſtatt Eurici 3, 3). Die Stelle 6, 9, wonach dem comes patrimonii ein animus cibis declinatus zukommen muß, haben beide übel behandelt mit delinitus; andere boten delicatissimus. Insbeſondere an den Irrgarten der Namen in den Var. iſt kaum von Troß⸗Förſtemann die erſte Hand gelegt. Nur genannt werden kann hier die intereſſante Aufgabe, die gotiſchen(und römiſchen) Namen bei Senator, Ennodius, Boethius, (Cunigaſt, Triguilla, Opilio, Baſilius, Gaudentius, Albinus, Paulinus u. a.) Prokop und Jordanes zu identiſicieren, wozu Vogel(Ennod.) und Mommſen⸗Müllenhoffs Jordanes⸗Ausg. den Anfang darbieten. Die zu erwartende Varienausgabe wird alles vereinen müſſen.

) zu S. 8. Seit Thorbecke(S. 33 A. 1) hat Uſener, der, wie Mommſen(Ausg. des Jordanes, prooem. p. XIL) ſagt, optime egit im Anecd. Holder. S. 16 u. S. 76, über Senators Namen gehandelt. Mommſen faßt das Ergebnis ſo zuſammen: legitimum nomen ei fuisse Senatori fasti ostendunt eo solo nomine utentes!¹): Cassiodorius signum fuit pariter atque Ablabius similiaque itaque etiam grammatica forma in ius sola probabilis est. Denn(Uſener) der Genetiv Caſſiodori iſt für ebenſo richtig als der Nominativ Caſſiodorius für falſch zu halten, d. h. daß dieſer auf falſcher Deutung jenes Genetivs beruht. Ferner hieß er Magnus und Aurelius; Flavius will Uſener(S. 76) mehr für Titel halten. Welche wunderliche Vorſtellungen das Mittelalter über Senator hatte, davon geben die bei Garet geſammelten vitae Zeugnis, worin wie ein Kehrvers ſich wiederholt: Cassiodorius prius sena- tor(, postea monachus. Die wiſſenſchaftliche Forſchung über ihn(wie über den Jordanes) beginnt mit Ritter Du

¹) Ebenſo wie auch var. lib. XI und XII.

1X)