Aufsatz 
Über sittlich-religiöse Bildung, als den höchsten Zweck der Erziehung und des Unterrichts / von Prorector Rotwitt
Entstehung
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elterlichen Hauſe uͤberlaſſen zu müſſen glaubt; ſie iſt eben ſo im Irrthum, wenn ſte, die Erziehung auch zu ihrer tuicae machend, den Unterricht allein, nament⸗ lich den ſittlich-religiöſen, als Mittel anſieht, wodurch ſie die Schüler erziehen zu können glaubt. Denn wenn auch durch den Unterricht, wie ich oben gezeigt habe, das ſittliche und religiöſe Gefuͤhl angeregt werden kann und ſoll; wenn insbeſondere der Religionsunterricht nicht allein religiöſe Begriffe, ſondern auch Gottesfurcht und Gewiſſenhaftigkeit einzuprägen ſucht und das Heilige und Rechte nicht allein in den Kopf, ſondern auch in das Der zu pflanzen beabſichtigt, indem er den Schuͤler für ein ſittliches und religiöſes Leben zu ſtimmen und zu beleben hat ¹): ſo darf doch die Schule, wenn ſie auch Erziehungsanſtalt zu ſein behaupten will, die erziehlichen Handlungen nicht vernachläſſigen; ſie muß Ordnung und gute Zucht handhaben; ſie darf Gebet und erbauende Betrachtungen nicht ausſchließen; ſie muß, in Gemeinſchaft mit dem elterlichen Hauſe und der Kirche, auf Theilnahme am Gottesdienſte, auf den Beſuch der Kirche dringen und achten.

In der Schule herrſche ſittliche Ordnung und Zucht, wobei freilich ſowohl zu große Nachſicht, als auch zu große Strenge tadelnswerth iſt, die aber auch ohne Strafen nicht wohl aufrecht gehalten werden können. Der Lehrer beachte beſonders diejenigen Fehler ſeiner Schuͤler, welche ſich auf die Veredlung ihres Charakters, auf Verwahrung vor ſchädlichen und häßlichen Neigungen und Ge⸗ wohnheiten, und auf ihr zukünftiges Glück beziehen. Die Strafen, die er ertheilt, ſollen nur Beſſerung bewirken; erbittern dürfen ſie nie. Aber auch durch uner⸗ müdliche Mahnung und Ermunterung, durch häufig wiederholten liebevollen und ernſten Zuſpruch ſuche der Lehrer zur Beſſerung zu führen. Wie manchmal wird

1)Nirgends ſtellt ſich uns, ſagt Dieſterweg in ſeinem Wegweiſer,die Forderung, daß naͤmlich der Lehrer ein wahrer Chriſt ſei, ſo ſcharf und ſo entſchieden heraus, als gerade dann, wenn wir fragen nach dem Lehrton für den Religionsunterricht. Auch der un⸗ chriſtliche Lehrer kann ſich des Lehrſtoffes, kann ſich der Lehr form des Religionsunter⸗ richtes bemäͤchtigen; aber den wahren, die Sicherheit der Wirkſamkeit ausſprechenden Lehr⸗ ton wird nur der gewinnen koͤnnen, der aus der Fuͤlle ſeines Herzens, aus der Tiefe ſeiner eigenen Lebenserfahrung heraus zu den Kindern von den goͤttlichen Dingen redet. Das Weſen dieſes rechten Lehrtons iſt lebendiger, unerſchuͤtterlicher Glaube an die Wahrheit der von ihm ſelbſt vorgetragenen Religionslehren und Demuth vor ihrer Erha⸗ habenheit und Heiligkeit. Er muß vom Glauben an den Erloͤſer ſelbſt innig durchdrungen und belebt ſein. Er muß es erkennen, daß er der Weg, die Wahrheit und das Leben ſei; er muß es erfahren haben: es iſt in keinem andern Heil, iſt auch kein anderer Namen den Menſchen gegeben, darin ſie ſollen ſelig werden, denn in dem Namen Jeſu. Und liebt der Lehrer ihn von ganzem Herzen, wie er denn nicht anders koͤnnen wird, als den lieben, der ſich ſelbſt zu ſeiner Errettung dahin gegeben hat, ſo wird ſich, wenn er von dieſem Grunde ſeines Heils zu den Kindern redet, ſein Weſen in der rechten Stimmung befinden. Er wird mit Zuverſicht reden können und duͤrfen von dem, deſſen erloͤſende Kraft er ſelbſt an ſeinem eigenen Herzen erfahren hat; er wird aber auch in Demuth reden von ihm, dem gegenuͤber er immer als ein Gnade und Vergebung Bedurfender erſcheint.