-— 1I8—
Aber es iſt ja überhaupt ſehr die Frage, ob der Geſchichtsunterricht in der Schule bis in eine Zeit gehen ſoll, die noch gar nicht vollendet iſt, bis in eine Zeit, über die ſich das allgemeine Urtheil Derer, die uns ihre Kinder anvertrauen, noch nicht geklärt hat. Ich meinerſeits habe immer geglaubt, was der Erinnerung noch ſo nahe liege, ſei gar nicht Gegenſtand des Schulunterrichts.*)
Wenn ich übrigens meine eigene Anſicht und Stimmung deutlich habe merken laſſen, ſo iſt meine Meinung durchaus nicht, daß der Lehrer der Geſchichte eine ſolche in der Schule ſo ſolle hervortreten laſſen, daß ſie bei den gegebenen Verhältniſſen auf die Jugend irgend ſtörend einwirke. Der Lehrer der vaterländiſchen Geſchichte muß vaterländiſches Gefühl haben; wer möchte wohl in einer deutſchen Schule den Unterricht in deutſcher Geſchichte einem Franzoſen anvertrauen? Aber er darf in der Schule nicht politiſiren, er darf den Kampf der Parteien nicht in dieſe friedlichen, geheiligten Räume hineintragen. Ich ſtimme meinem ehemaligen Weinheimer Kollegen Lamey voll⸗ kommen bei, wenn er**) ſagt:„Keine Reflexion!— Die Erzählung ſei reine Erzählung.— Die Thatſachen allein ſind unparteiiſch, und ſie reden gewaltiger als alle Worte. Aus der reichen Aerndte derſelben nimmt ſich jeder Schüler den Samen, der auf dem dunklen Grunde ſeiner werdenden Individualität gedeihlichen Boden findet. Freilich bleibt auch ſo noch die Geſinnung des Lehrers einflußreich, und erwächſt für ihn, auch von dieſer Seite her, die Pflicht, unabläſſig nach Läuterung derſelben zu ſtreben.“
Wir wenden uns auf einige Augenblicke zu einem ganz andern Fache. Sollte es dem Zeichen⸗ lehrer nicht von Werth ſein, ſeine Schüler auf ſchöne Gebäude hinweiſen zu können, oder auf Gemälde, würdig, ſie nach Plan und Ausführung ſo, wie es etwa der Lehrer der deutſchen Sprache mit einem Gedichte thut, genau und bis in das Einzelſte zu betrachten? Beides iſt hier gegeben; ich will dies nur beiläufig anführen. Zur Uebung im Zeichnen nach der Natur eignen ſich Kreuze und andere Denkmäler auf unſerm Friedhofe. Auch in meinem nähern Kreiſe hat es an Benutzung der zuletzt erwähnten Gelegenheit nicht gefehlt.
Noch ein Hauptfach iſt zu behandeln: die Sprache. Schon oben iſt zugeſtanden worden, daß unſere hieſige Mundart dem grammatiſchen Erlernen der angenommenen deutſchen Schriftſprache nicht ſehr günſtig iſt. Es iſt aber andrerſeits davor gewarnt worden, nicht alle Abweichungen von der Schriftſprache, nicht alle mundartlichen Ausdrücke geradezu als an und für ſich fehlerhaft zu bezeichnen. Sehen wir uns doch um und fragen: Wo in ganz Deutſchland wird ein reines Deutſch geſprochen? Das ſoll nicht heißen: Wo gibt es Leute, die ein reines Schriftdeutſch ſprechen können, und die dies unter Umſtänden, z. B. in feierlicher Rede, oder in der Unterhaltung mit gebildeten Fremden, wirklich thun? Sondern die Frage iſt: Wo wird immer, unter allen Umſtänden, auch im engſten häuslichen Verkehr, lautlich und grammatiſch ganz rein geſprochen? Wir müſſen ſagen: Nirgends. Höchſtens vielleicht außerhalb Deutſchlands, in abgetrennten deutſchredenden Gegenden, wie in den ruſſiſchen Oſtſeeprovinzen. Die Elbe, die ſich bei Schiller rühmt, allein unter den deutſchen Strömen deutſch zu ſprechen, und zwar in Meißen, ſagt doch damit etwas, das ſie nicht ſo recht verantworten kann.
*) Vgl. Lamey(eetzt Profeſſor am Lyceum zu Karlsruhe) in dem Programm der Bender'ſchen Anſtalt zu Weinheim, 1843, S. 21:„Von einem andern Geſichtspunkte her erſcheint uns auch das Ausfallen der neueſten deutſchen Geſchichte ſeit dem Ende des ſiebenjährigen Krieges“(man könnte jetzt, mehr als zwanzig Jahre nachdem dies ge⸗ ſchrieben iſt, wohl ſagen: ſeit 1815, oder höchſtens ſeit 1848)„nicht bedauerlich, weil die Entwickelungen dieſer Zeit noch nicht genug als fertiges Object vorliegen, noch zu ſehr in der Gegenwart verfloſſen ſind und den Knaben gewaltſam aus ſeinem Standpunkte heraus auf ein ihm jetzt noch fremdes Gebiet führen würden“.
**) A. a. O., S. 37, 39..


