— 5—
fehlte Frieden und Glück. Er glaubte nun, nach einer dem menschlichen Gemüthe öfter eigenthümlichen Täuschung, alles hier vermisste Glück in der Ferne suchen zu sollen, bei jenen Naturvölkern, und so kommt es dass er ausser ihrer Kraft und ihrem Muth auch ihr Glück bewundert. Hier aber kommen wir sofort in das romantische Gebiet,— ich möchte nicht mit Baumstark sagen: das Gebiet des Romanhaften, weil man darunter eine bewusste Erfindung zu verstehen pflegt. Denn das Glück der Germanen, woher kannte er's? Wenn ihr Gegenbild, die Römer, unglücklich waren, mussten desshalb die anderen sich ungetrübten Glückes erfreuen? Nein; sondern diese Vorstellung geht eben aus des Schriftstellers subjectiver Empfindung hervor, sie ist eine romantische. Beispiele derselben anzuführen ist wohl kaum nöthig; zu den bekanntesten gehören etwa: nemo illic vitia ridet nec corrumpere ac corrumpi saeculum vocatur(c. 19); ferner nec ulla orbitatis pretia (20); argentum et aurum propitiine an irati di negaverint dubito(5); saepta pudicitia agunt, nullis spectaculorum inlecebris, nullis conviviorum inritationibus corruptae(19); ea cura formae, sed innowia(38); dotem non uxor marito, sed uxori maritus offert(18) u. a., welche alle das Glück, die Sittenreinheit, und— wie»pares validaeque miscentur, ac robora parentum liberi referunt«(20)— die Kraft des Volkes dort(eillic«»ibi«) im bestimmten Gegensatz zu Rom beschreiben. Die Quellen der Kraft und des Muthes der Germanen: dahin gehört aber für einen römischen und wahrheitsliebenden Autor auch die Grenze ihrer Kraft und ihres Muthes, welche sich in Sätzen äussert wie laboris atque operum non eadem patientia, minimegue sitim aestumque tolerare.. adsuerunt(c. 4); si indulseris ebrietati, haud minus facile vitiis quam armis vincentur(23), und in dem berühmten Wunsche maneat qudeso duretgue gentibus... odium sui, guando urguentibus iam imperii fatis nihil iam praestare fortuna maius possit quam hostium discordiam(c. 33); ihre Trägheit, Trunksucht, Spielsucht, Jähzorn, Uneinigkeit hebt er klar hervor,— nicht als Parteigänger des Kaiserthums, sondern einfach als patriotischer Römer. Wie wenig er der Richtung in der Beschreibung der Deutschen hold war, welche ich die»kaiserliche Tendenz« nenne und deren Schilderung ich auf eine andere Gelegenheit verschieben muss,— der Richtung, welche die Germanen nur als unversöhnliche Feinde ansieht und sie als die Besiegten mit Verachtung und stolzem Siegesjubel, ihre Siege aber als Wirkung hinterlistigen Verraths bespricht,— in wie klar- bewusstem Gegensatz sich Tacitus dazu wusste, zeigen u. a. einige ironische Stellen. Seit dem ersten Einfall der Cimbern bis jetzt sind 210 Jahre verflossen; tam diu Germania vincitur(c. 37): d. h. nicht nur ⸗so lange versuchen wir Germania zu besiegen, ohne das Ziel noch erreicht zu haben«, wie man die Worte meist auffasst, sondern geradezu:»so lange wird Germania besiegt, wenn man nämlich den Siegesberichten Glauben schenken darf; scil. und doch ist es noch unbesiegt, also sind jene Berichte erlogen«. Gerade so am Schluss des Capitels: triumphati magis quam victi sunt, auf die Zeiten Domitians bezüglich, aber auch mit ironischem Anklang an Schriftsteller jener kaiserlichen Tendenz gesagt, wie z. B. an Ovid Am. I. 14, 46, welcher die Germanen»triumphata gens« nennt.
8


