Aufsatz 
Die Idealisierung der Naturvölker des Nordens in der griechischen und römischen Literatur
Entstehung
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Die Idealisirung der Naturvölker des Nordens in der griechischen und rômischen Literatur.*)

Zu den häufigst besprochenen Fragen der alten Literatur gehört auch die nach der Absicht, mit welcher Tacitus seine Germania verfasst haben möge. Dass diese Schrift das wichtigste Denkmal gerade über unsere Vorfahren ist, und dass sie wie man sich wohl ausdrückte»an moderne Denkart streift«: beides zusammen regte die Fragelust an und gab namentlich in früherer, historisch noch weniger geschulter Zeit zu manchen fast abenteuer- lichen Beantwortungen Anlass. Wir dürfen Antworten der Art, wie dass Tacitus den Kaiser durch diese Schrift vom Krieg gegen die Germanen abschrecken, oder anderseits, dass er ihn gerade dazu antreiben wollte, ferner dass wir in der Germania nur Materialien für künftig beabsichtige Darstellungen besässen, heute wohl nur noch als Curiositäten nennen. Alle Ansichten, welche jetzt erwühnenswerth sind, halten sich zwischen zwei Extremen, einerseits nämlich der Meinung, dass die Germania lediglich ein geographisches und ethnographisches Werk und nur durch das allgemeine Interesse an Beschreibung von »situs gentium«(Tac. ann. IV. 33) hervorgerufen sei, und anderseits der Vorstellung, dass Tacitus die Deutschen den Römern gegenüberstellen und ihr Dasein in idyllischer oder elegischer oder romantischer oder romanhafter oder satirischer oder sonstwie tendenziöser Weise aus- malen wollte, um dadurch den Römern ein Ideal von Natur, Tugend und Glückseligkeit zu zeigen. Erstere Ansicht vertritt z. B. Kritz, die zweite Pallmann und Gerlach; die meisten Forscher, wie gesagt, nehmen eine Vereinigung von Beidem an sie finden sich in sehr grosser Zahl, wenn auch nicht mit ganzer Unbefangenheit, besprochen bei Baumstark, Urdeutsche Staatsalterthümer(Berlin 1873) S. 58 ff. und sehen eine besondere persön- liche Disposition des Autors als den Grund an, wesshalb er gerade die den Römern an

*) Der Gegenstand dieser Abhandlung in seinem ganzen Zusammenhang ist hier meines Wissens zuerst bearbeitet. Nur in dem ebenso gelehrten wie verständigen und klar geordneten Band III, 2 von Ukert's»Geographie der Griechen und Römer« fand ich einzelne der betreffenden Stellen der Alten im richtigen Sinne aufgefasst, allein bei weitem nicht alle, und auch die ein- zelnen ohne die Erklärung ihres inneren Zusammenhangs. Müllenhoff's treffliche»Deutsche Alterthumskunde« wird wohl in ihren künftigen Bänden auch dieses Thema zu behandeln haben. Riniges aus der vorliegenden Abhandlung wurde bereits in einem Vortrage»die Beurtheilung der Germanen in der römischen Literatur« auf der allgem. Philologenversammlung zu Innsbruck am 29. September 1874 von mir mitgetheilt.

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