Aufsatz 
Der Epitaphios bei Thukydides / übersetzt und erklärt von Karl Riedel
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Denn schmerzlicher ist doch für einen Mann von Selbstbewusstsein die Erniedrigung im Gefolge der an den Tag gelegten Feigheit, als der einen bei voller Kraft und zugleich in der besten Hoffnung auf das allgemeine Wohl unvermerkt überraschende Tod.

44. Deshalb beklage ich euch, Eltern der hier Liegenden, so viele ihr anwesend seid, nicht in dem Maße, als ich euch trösten will. Leute, wie ihr, von mannigfachen Schicksalschlägen heimgesucht, er- fassen das Glück derjenigen, denen, wie diesen Gefallenen da, das

herrlichste Lebensende zutheil ward, euch doch erwuchs hieraus Leid! und deren Leben so abschloss, dass ihre Glückseligkeit den

Tod aufwog. Ich weiß wohl, dass es schwer ist, euch über den Ver- lust derjenigen zu trösten, an die ihr euch gar oft erinnern werdet beim Anschauen der glücklichen Verhältnisse anderer, deren ihr euch selbst einst gerühmt. Auch betrübt man sich nicht um Güter, deren man, ohne sie verkostet zu haben, beraubt wird, sondern um die, die einem, nachdem man sich an sie gewöhnt, entrissen werden. Man muss aber auch mit der Hoffnung auf andere Kinder diejenigen trösten, die vermöge ihres Alters welche erhalten können. Denn manchen einzelnen werden die ihm noch geborenen Kinder den Verlust der Ge- fallenen vergessen machen, und dem Staate erwächst ein doppelter Vortheil, erstlich dadurch, dass er nichts an Vertheidigern eingebültt, und sodann, dass er gesichert dasteht. Denn nicht mit gleicher Billig- keit oder Gerechtigkeit können diejenigen im Rathe wirken, die nicht in gleicher Weise Gefahr laufen, Kinder aufs Spiel zu setzen. Ihr aber, die ihr diese Altersstufe überschritten habet, erachtet die längere Lebenszeit, die ihr glücklich durchlebt habet, für einen Gewinn und bedenket, dass euch nur noch eine kurze Lebenszeit beschieden ist, und tröstet euch mit dem Ruhme der Gefallenen. Denn die Ehrliebe allein ist nie alternd, und in den Tagen des kraftlosen Greisenalters ergötzt nicht so sehr, wie einige behaupten, das Gelderwerben, als der Genuss der Ehre.

45. Euch Söhnen aber den Gefallenen oder Brüdern, so viele ihr anwesend seid, erhebt sich, wie ich sehe, ein grolber Wettstreit. Wer da nämlich nicht mehr am Leben ist, den pflegt jedermann zu loben, und schwerlich möchtet ihr, selbst wenn ihr ihre Tapferkeit überbötet, als ebenbürtig, sondern um ein wenig minder tüchtig be- funden werden. Richtet sich doch der Neid der Lebenden gegen den Ne- benbuhler, während derjenige, welcher nicht mehr im Wege steht, mit neidlosem Wohlwollen geehrt wird.