Aufsatz 
Der Epitaphios bei Thukydides / übersetzt und erklärt von Karl Riedel
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Staat ein würdiger Gegenstand der Bewunderung sein wie auch in anderem.

40. Wir lieben das Schöne mit Maß und huldigen der Wissen- schaft und Bildung, doch nicht bis zur Verweichlichung. Den Reich- thum benützen wir mehr als ein erwünschtes Mittel zu Staatsleistungen, als um uns mit demselben zu prahlen und zu prunken, und die Armut nicht einzugestehen ist manchem schimpflich, aber schimpflicher ist es, ihr nicht durch Thaätigkeit zu entfliehen. Ein und dieselben sind es, die sowohl das Haus- als auch das Staatswesen besorgen, und diejeni- gen, die nur Geschäften nachgehen, ermangeln nicht der politischen Bildung. Wir sind nämlich es einzig und allein, die wir einen, der an Staatsgeschäften keinen Antheil nimmt, nicht für einen Privatier, sondern geradezu für einen Nichtnutz halten, und wir selbst sind es, die da entscheiden, ob wir die politischen Angelegenheiten richtig be- urtheilen, indem wir das viele Reden für die Staatsangelegenheiten nicht schädigend halten, sondern wir glauben vielmehr, dass es viel schädlicher sei, sich durch Reden nicht früher vorberathen zu haben, ehe man an die Ausführung der nothwendigen That geht. Es ist eben auch dies eine unserer Eigenthümlichkeiten, dass wir mit kühnstem Wagen ein reifliches Uberlegen dessen verbinden, was wir unternehmen wollen, wogegen andern aus Unkenntnis kühnes Wagen, aus Erwägen aber Muthlosigkeit erwächst. Für die tüchtigsten doch rücksichtlich ihres Muthes gelten diejenigen, welche das Schwierige sowohl wie das Angenehme eines Unternehmens erkannt haben und trotzdem den Ge- fahren nicht den Rücken kehren.

41. Um mich kurz zu fassen, erkläre ich, dass die ganze Stadt die Bildungsstätte von Hellas sei und dass, wie ich glaube, jeder ein- zelne aus unserer Mitte in den meisten Lebensverhältnissen und zwar mit großer Anmuth und Gewandtheit seinen ganzen Mann stelle. Und dass alles dies, was ich vorbringe, nicht ein für den gegenwärtigen Augenblick berechnetes Wortgepränge ist, sondern auf Wahrheit und Wirklichkeit beruht, dies bezeugt die Macht des Staates, welche wir vermöge unserer Charaktereigenschaften erlangt haben. Unser Staat allein unter allen Staaten der Jetztzeit besteht, alle Erwartung über- treffend, jegliche Probe, er allein gibt weder dem Feinde, der gegen ihn zu Felde gezogen, Veranlassung zum Grolle, von Minderen Unge- mach erlitten zu haben, noch dem Unterthanen Veranlassung zur Klage, von Unwürdigen beherrscht zu werden. Indem wir unter andern