L. Das Gymnaſialſeminar zu Jena.
Ein Gutachten
von
Dr. G. Richter.
Um die praktiſche Vorbildung für das höhere Lehramt nach dem Vorgange Preußens auch für das Großherzogtum einer neuen Regelung zu unterziehen, berief der Chef des Kultusdepartements, Herr Geh. Staatsrat Dr. Guyet am 3. Okt. v. J. eine Verſammlung von Fachmännern nach Weimar, zu welcher außer den Regierungsvertretern und Direktoren der Gymnaſien und Realgymnaſien auch der Herr Geh. Oberſchulrat a. D. Dr. Raſſow und der Kurator der Univerſität Jena, Herr Staatsrat Dr. Eggeling eingeladen waren. Das Ergebnis der eingehenden, von dem Herrn Departementschef geleite⸗ ten Beratungen war eine Einigung über folgende Punkte:
Die Vorbildung der Kandidaten ſei in Zukunft in grundſätzliche Uebereinſtimmung zu bringen mit der für Preußen vorgeſchriebenen„Ordnung der praktiſchen Ausbildung der Kandidaten für das Lehramt an höheren Schulen“ vom 15. März dieſes Jahres. Es ſei danach die praktiſche Vorbereitungs⸗ zeit auf 2 Jahre, ein Seminarjahr und ein Probejahr, auszudehnen. Das einzurichtende Gymnaſial⸗ ſeminar ſolle an das Großherzogliche Gymnaſium in Jena angeſchloſſen und mit dem dort beſtehenden Pädagogiſchen Univerſitätsſeminar in Verbindung gebracht werden. Der Anſchluß anderer Erneſtiniſcher Staaten ſei offen zu halten.
Von dem Herrn Geheimen Staatsrat Dr. Guyet wurde ich beauftragt, auf dieſen Grundlagen ein Gutachten zu erſtatten und den Entwurf einer Seminarordnung für die zu errichtende Anſtalt vorzulegen.
Um mir für dieſen Zweck diejenige Erfahrungsgrundlage zu verſchaffen, welche in der kurzen Zeit weniger Monate zu gewinnen war, ſchritt ich ſogleich zur vorläufigen Einrichtung eines Seminars, indem ich mit den drei dem Gymnaſium zur Abhaltung des Probejahres überwieſenen Kandidaten die weiter unten geſchilderten Uebungen begann und regelmäßig fortſetzte. Vor Ablauf des Jahres konnte ich ein ausführliches Gutachten, ſowie den Entwurf einer Seminarordnung nebſt Erläuterungen mit Bericht vom 24. Dez. dem Großh. Staatsminiſterium vorlegen. In einer Sitzung im Kultusdeparte⸗ ment, zu welcher außer den Herren Raſſow und Eggeling auch der Direktor des Pädag. Univerſitäts⸗ ſeminars, Herr Prof. Dr. Rein zugezogen war, wurde der vorgelegte Entwurf durchberaten und fand in allen weſentlichen Punkten die Zuſtimmung der Anweſenden.
Bei der großen Bedeutung der Frage, welche nur bei einer vielſeitigen Erörterung und einem regen Austauſch der gemachten Erfahrungen zur Reife gebracht werden kann, bringe ich diejenigen Teile des von mir erſtatteten Gutachtens, welche ein allgemeines Intereſſe beanſpruchen dürfen, mit Geneh⸗ migung des Großh. Staatsminiſteriums zum Abdruck.


