Aufsatz 
Schillers Dramen im Lichte der zeitgenössischen Kritik
Entstehung
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Gesellschaft und Professor der Dichtkunst in Mannheim(ge- storben als Geheimerrath v. Klein in Heidelberg am An- fange dieses Jahrhunderts) eine ausserordentlich eingehende Besprechung. A. Klein war Jesuit und einer der kenntnis- reichsten und geistvollsten Männer seiner Zeit,¹) doch zugleich mit abstossenden Charaktereigenschaften behaftet. Der Aufnahme Schillers in die genannte Gesellschaft setzte Klein als einer der entschiedensten Gegner des jungen Dichters einen energischen Widerstand entgegen, und Schillers Antritts-Vorlesung über die Frage:Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken? nahm er nicht unter die Schriften der Gesellschaft auf, während Kleins Gedichte, die zu der letzteren in gar keiner Beziehung standen, einen ganzen Band derselben füllen.

Die Kritik imPfälzischen Museum trägt die Abneigung ihres Verfassers gegen Schiller offen genug zur Schau, zeichnet sich aber gleichwol durch Gründlichkeit vor den meisten anderen Beurteilungen derRäuber vorteilhaft aus. Diese Gründlichkeit freilich geht nicht selten in Weitschweifigkeit über. Bei ihrem Erscheinen machte die Recension indessen nicht geringes Aufsehen.

Ausgehend von einem Vergleiche des Franz Moor mit der Medea des Euripides und des Seneca, welcher durchgehends zu Ungunsten des Schillerschen Helden ausfällt, gelangt der Kriti- ker zu dem Ergebnisse:Medea ist mit allen ihren Gräueln ein grosses, staunenswürdiges Weib,... ein wahrer, herrlicher thea- tralischer Charakter; Franz Moor dagegen ein gemeiner Satan, der mit einem trägen Blick die Welt vergiftet, ist niederträchtig, klein, feig, abgeschmackt; jene rührt zu Mitleid, interessirt alle Herzen, dieser aber zerreisst alle Fäden der Sympathie; sein An- blick erkältet alle Gefühle und empört die Menschheit;... man erwartet mit Sehnsucht seine Verbannung von der Scene, wie die Entfernung der Pest..... Medea ist Verbrecherin und Mensch: Franz Moor ist immer Bösewicht, nie Mensch.

Und wie Franz entgeht auch Karl einem kritischen Todes- urtheile nicht; er ist in den Augen des Recensentenein seltsamer Don Quixote, nur kein theatralischer, bei dessen Anblick ein Weiser lächeln und ein Narr klug werden könnte; erschwatzt zuviel abgeschmacktes Zeug, erinnert zu sehr an unsere heu-

11 644) Vgl. über ihn als Schriftsteller Karl Gödeke, Grundr. ff. 2. Aufl. , 644.