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Noch im Alter dachte Goethe grade so. Zu dem Kanzler von Müller¹) sagte er: „Euch darf ich's gestehen, seit ich von der ewigen Roma über den Ponte molle heimwärts fuhr, habe ich keinen rein glücklichen Tag mehr gehabt.“
Goethe war aus Italien als ein anderer zurückgekehrt, als er hingegangen war. Die Stimme der Menschlichkeit und der Schönheit, die von dem Griechenvolke zu ihm herüber- klang, hatte zu vernehmlich zu ihm gesprochen. Das lebendige Anschauen der Kunstschàtze des klassischen Altertums wie das Eindringen in die antike Literatur hatten ihre Wirkung an ihm nicht verfehlt. Als ein gründlicher Kenner beider betrat er sein Vaterland wieder. In seiner Iphigenie sah Schiller die Antike neu geboren. Er war in diesem Stücke mit Euripides, dem großen griechischen Tragiker, nicht nur in Wettstreit getreten, sondern er hatte ihn übertroffen, indem er die künstlerische Lösung des Knotens nicht durch einen deus ex machina, sondern durch die hehren Charaktereigenschaften und die reine Menschlichkeit seiner Heldin hervorbringt. Diese reine Menschlichkeit ist es, die in dem Stücke alle Schwierigkeiten löst. Durch sie schafft Iphigenie die blutigen Menschenopfer ab, durch sie bewirkt sie Orests Heilung, durch sie zwingt sie den König, sie ins Vaterland zurückkehren zu lassen.— Auch in den Römischen Elegien und den Venetianischen Epigrammen klingen bei aller Originalität die Lebensanschauungen der römischen Dichter Tibull, Properz, Ovid und alle die Eindrücke des südlichen Himmels, die Pracht und die Schönheit griechischer Kunst in Ton und Sprache wieder. Selbst bei Werken wie Tasso und der Natürlichen Tochter. die äußerlich nichts mit der Antike gemein haben, wird der Einsichtige mit Bewunderung gewahr, wie die Kunst der Griechen in edler Einfalt und stiller Größe ihm überall die Hand geführt hat. Fortan sehen wir ihn ganz in den Spuren der Griechen wandeln. Immer wieder von neuem beschäftigt er sich mit den Griechen, um immer tiefer und tiefer in ihren Geist einzudringen. Dies beweist eine große Reihe von Briefen aus diesen Jahren. Dem Herzog Karl August teilt er mit: ²)„Das Griechische wird eifrig betrieben und ich habe gute Hoffnung“, seinem Freunde Jacobi schreibt er:³)„Seit einigen Tagen habe ich im Plato gelesen und zwar das Gastmahl, Phaedrus und die Apologie“, an denselben: ⁴)„Ubrigens studiere ich die Alten und folge ihrem Beyspiel“ und drei Jahre später: 5)„.... Um etwas unendliches zu unternehmen habe ich mich an den Homer gemacht. Da hoffe ich nun in meinem übrigen Leben nicht zu darben.“ Dies alles in einer Zeit, wo er von Geschäften fast erdrückt wurde und seine eigenen Werke ihn zu nicht enden wollender Betätigung drängten. In diese Zeit fällt seine Ubersetzung einiger Stellen der Odyssee sowie des Homerischen Hymnus auf die Geburt Apollos. Da selbst W. v. Humboldt diese Übersetzung sehr lobt, muß Goethe im Griechischen gewaltige Fortschritte gemacht haben.
Eine glänzende Epoche nicht nur in dem Leben Goethes, sondern in unserer ganzen deutschen Literatur bildet der Freundschaftsbund Goethes mit Schiller. Sie, die anfangs„als Geistesantipoden durch mehr als einen Erddiameter voneinander geschieden waren“,s) führte allmählich die gemeinsame Liebe zum klassischen Altertum zusammen. Goethe besaß damals schon alles, wonach Schiller sich sehnte, die abgeklärte Ruhe, die echte Menschlichkeit,
1G ¹) Gespräche in Berka d. 30. Mai 1814.*²) d. 5. Nov. 1789. ²) d. 1. Febr. 1793.*) d. 3. März 1790. ²) d. 18. Nov. 1793. ⁹) s. Ergünzungen zu d. Tag- u. Jahresheften. Bekanntschaft mit Schiller. W. B. 36 S. 113.


