Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
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fahrend, zwischen Schlaf und Wachen den Plan zur Iphigenie auf Delphos rein zu finden. Es giebt einen fünften Akt und eine Wiedererkennung, dergleichen nicht viel sollen aufzu- weisen sein. Ich habe selbst darüber geweint wie ein Kind. Es ist die Szene gemeint, wo Elektra im Begriffe ist, mit dem Beile ihre Schwester Iphigenie zu ermorden, ein gütiges Geschick aber noch rechtzeitig die Erkennung der Geschwister herbeiführt. Den Stoff zu dieser Dichtung schöpfte Goethe wohl aus der 122. Fabel des Hygin. Leider ist nichts von diesem Drama erhalten, und nur weniges von einem anderen Stück, dessen Plan ihm auch in Italien aufging, der Nausikaa. Schon am 22. Oktober 1786 schreibt er aus Bologna an Frau von Stein:Sagt ich dir schon daß ich einen Plan zu einem Trauerspiel Ulysses auf Phaea gemacht habe? Ein wunderbarer Gedanke der vielleicht glücken könnte.¹) Auf der Seefahrt nach Palermo, beim Anschauen des Meeres und der Schönheit Siziliens fühlte er sich ganz in das Zeitalter Homers versetzt, und während er mit innigem Anteil das sechste Buch der Odyssee las, trat des Alkinoos herrliche Tochter ihm lebhaft vor die Seele, und er ergriff den Gedanken, den Stoff als Tragödie zu behandeln. An Frau von Stein schrieb er hierüber: ²)Was ich Euch bereite, geräth mir glücklich, ich habe schon Freudenthränen vergoßen, daß ich Euch Freude machen werde und an Seidel:*)Was ich machen kann wird man vielleicht aus einem Stück sehen, das ich auf dieser Reise(Neapel) erfunden und angefangen habe. Leider sind nur wenige Bruchstücke von diesem Werke erhalten. Iphigenie, Tasso und Egmont ließen andere Arbeiten nicht aufkommen. Noch im späten Alter bedauerte er, diesen Stoff fallen gelassen zu haben. An Graf Schlitz schickte er die ersten Szenen) diesesin Sicilien entworfenen, dort theilweise bearbeiteten, aber leider nicht vollendeten Trauerspiels und an Sulpiz Boisserée schrieb er:*)Es betrübt mich auf's neue, daß ich die Arbeit damals nicht verfolgt. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, welche rührende, herz- ergreifende Motive in dem Stoff liegen, die, wenn ich sie, wie ich in Iphigenie, besonders aber in Tasso that, bis in die feinsten Gefäße verfolgt hätte, gewiß wirksam geblieben wären.

Trotzdem Goethe in dieser Zeit die Höhe der Kunst erstiegen batte, sah er zu den Griechen immer noch wie zu unerreichten Mustern empor. Dies zeigt deutlich ein Brief an Seidel, in dem es heißt:²)Ich will meinen Egmont nicht mit jenem Meisterstücke des Oedipus auf Kolonos vergleichen.

Als er Italien nach fast zweijährigem Aufenthalte verlassen mußte, dachte er mit Sehnsucht an dieses Land zurück. An seinen Freund Meyer schreibt er:?)Ich kann und darf nicht sagen wieviel ich bey meiner Abreise von Rom gelitten habe, wie schmerzlich es mir war das schöne Land zu verlaßen und an Herder: ³)Ich kann eine leidenschaftliche Erinnerung an jene Zeiten nicht aus meinem Herzen tilgen. Ich fühle nur zu sehr, was ich verloren habe, seit ich mich aus jenem Elemente wieder hierher versetzt sehe. Mit Wehmut liest er Ovids Verse, die dieser bei seiner Verbannung aus Rom in Tomi gedichtet hat:

Cum subit illius tristissima noctis imago, Quae mihi supremum tempus in Urbe fuit; Cum repeto noctem, qua tot mihi cara reliqui: Labitur ex oculis nunc quoque gutta meis.*³⁹)

¹) Tagebuch I, S. 315. ²) d. 18. April 1787. ³) d. 15. Mai 1787.) d. 26. u. 30. März 1816.) d. 4. Dez. 1817.) d. 8. Dez. 1787.*) d. 19. Sept. 1788. ³⁵) d. 27. Dez. 1788.) Trist. I. 3. Kommt mir von jener Nacht das entsetzliche Bild vor die Seele, Welche die letzte für mich war in der Römischen Stadt, Wenn ich gedenke der Nacht, wo des Teuren so viel ich zurückließ, Gleitet vom Auge noch jetzt mir eine Träne herab.