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st, ist zufällig an den Menschen. Der griechische Künstler, der einen Laokoon, eine Niobe einen Philoctet darzustellen hat, weiß von keiner Prinzessin, keinem König und keinem Königssohn; er hält sich nur an den Menschen. Deswegen wirft der weise Bildhauer die Bekleidung weg und zeigt uns bloß nackende Figuren, ob er gleich sehr gut weiß, daß dies im wirklichen Leben nicht der Fall war.... Ebenso wie der griechische Bildhauer die unnütze und hinderliche Last der Gewänder hinwegwirft, um der menschlichen Natur mehr Platz zu machen, so entbindet der griechische Dichter seine Menschen von dem eben so unnützen und ebenso hinderlichen Zwang der Konvenienz und von allen frostigen Anstands- gesetzen, die an dem Menschen nur künsteln und die Natur in ihm verbergen. Die leidende Natur spricht wahr, aufrichtig und tief eindringend zu unserem Herzen in der Homerischen Dichtung und in den Tragikern; alle Leidenschaften haben ein freies Spiel, und die Regel des Schicklichen hält kein Gefühl zurück. Die Helden sind für alle Leiden der Menschheit so gut empfindlich als andere; und eben das macht sie zu Hielden, daß sie das Leiden stark und innig fühlen und doch nicht davon überwältigt werden. Sie lieben das Leben so feurig wie wir andern; aber diese Empfindung beherrscht sie nicht so sehr, daß sie es nicht hingeben können, wenn die Pflichten der Ehre oder der Menschlichkeit es fordern. Philoctet erfüllt die griechische Bühne mit seinen Klagen; selbst der wütende Herkules unterdrückt seinen Schmerz nicht. Die zum Opfer bestimmte lphigenia gesteht mit rührender Offenheit, daß sie von dem Licht der Sonne mit Schmerzen scheide. Nirgends sucht der Grieche in der Abstumpfung und Gleichgiltigkeit gegen das Leiden seinen Ruhm, sondern in Ertragung desselben bei allem Gefühl für dasselbe.... Diese zarte Empfindlichkeit für das Leiden, diese warme, aufrichtige, warm und offen daliegende Natur, die uns in den griechischen Kunstwerken so tief und lebendig rührt, ist ein Muster der Nachahmung für alle Künstler und ein(Gesetz, das der griechische Genius der Kunst vorgeschrieben hat.“— Wahrlich goldene Worte sind es, die Schiller hier spricht. Wahrer und richtiger kann niemand über die Griechen urteilen, als er es hier tut. Man sieht, er ist durch und durch von griechischem Geiste erfüllt und hält die Griechen für die Meister, denen wir nachstreben müssen.— In den Bildsäu'en der Alten, sagt Schiller ferner,“) findet man aufs wahrste den Kampf der Intelligenz mit dem Leiden der sinnlichen Natur ausgedrückt. Als Beispiel führt er die Laokoongruppe an. Sie ist nach seiner Ansicht das Höchste, was die bildende Kunst der Alten im Pathetischen zu leisten vermochte. Um diesen Begriff des Pathetischen recht klar zu machen, geht Schiller genau auf die Schilderung des Laokoonmythus bei Vergil ein, der nach seiner Ansicht ein unerreichter Dichter ist.
In der Abhandlung Gedanken über den Gebrauch des Gemeinen und Niedrigen in der Kunst(1802) vergleicht Schiller die Leistungen der Alten und Neueren in der Kunst. Die Niederländer haben nach seiner Ansicht einen gemeinen Geschmack in der Kunst bewiesen, die ltaliener einen edlen und großen, noch mehr aber haben dies die Griechen getan.„Diese gingen immer auf, das ldeal, verwarfen jeden gemeinen Zug und wählten auch keinen gemeinen Stoff.“ Als Beispiel dafür, daß ein Dichter auch einen unwichtigen Stoff groß behandeln kann, nennt er Homer, der den Schild des Achill sehr geistreich zu behandeln wußte, obgleich die Verfertigung eines Schildes dem Stoffe nach durchaus nichts Großes ist*). Daß man das Niedrige in der Kunst anwenden kann, um Lachen zu erregen.
¹) XIl. I., S. 149. ²) S. 184.


