Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum.
Von Professor Dr. Paul Primer.
Kein Kenner der Geschichte wird in Abrede stellen, dab die großen Dichter den nachhaltigsten Einfluß auf die geistige Entwicklung der Menschheit ausüben und dabß sie in des Wortes vollster Bedeutung ihre Lehrer und Bildner sind. Kaum gibt es aber eine lohnendere und dankharere Aufgabe, als dem Werden und Wachsen solcher Genien nach- zuspüren,— soweit man einen Genius überhaupt erkennen kann— um 2u sehen, welche Faktoren es gewesen sind, die sie zu ihrer Höhe gebracht haben. Daß die großen Dichter der zweiten Blüteperiode unserer deutschen Literatur durch nichts so sehr gebildet worden sind, wie vom Altertum, ist in letzter Zeit an manchem dieser Geistesheroen über- zeugend nachgewiesen worden. Die vorliegende Arbeit verfolgt den Zweck, Schillers Verhältnis zum klassischen Altertum darzulegen und zu zeigen, daß auch er ein begeisterter Verehrer der Antike war, daß eine große Anzahl seiner Werke von dem Geiste der Alten durchtränkt ist, und daß er sein ganzes Leben hindurch nicht müde geworden ist, in das Griechentum einzudringen und die Griechen als nachzuahmende Muster zu rühmen.
Bevor wir aber diesen Beweis liefern, wollen wir angeben, inwieweit Schiller die beiden klassischen Sprachen selbst beherrschte.
Die heutige Schillerforschung) hat festgestellt, daß Schiller schon i. J. 1765, also in seinem siebenten Lebensjahre, in Lorch a. d. Rems bei Pfarrer Moser Latein lernte. Auch einige griechische Vokabeln brachte ihm dieser bei. Von 1767— 1773 war er in Ludwigsburg, wo das Lateinische sehr stark betrieben wurde. In den untersten Klassen waren fünf Tage in der Woche fast ausschließlich dem Lateinischen und besonders der Grammatik gewidmet. Im Jahre 1771 verfertigte der noch nicht zwölf- jährige Knabe in lateinischen Distichen ein Begrüßungsgedicht an seinen Lehrer Winter, wovon ein Pentameter erhalten ist, und die Danksagung für Gewährung der Herbstferien an den Vorsteher der Lateinschule, den Dekan Zilling, in 32 Versen, die eine staunen- erregende Kenntnis der lateinischen Sprache zeigen. Es finden sich in diesem Gedichte Anklänge an Ovids Tristien, an Vergil und fHioraz, was wohl daraus zu erklären ist, dab
¹) Die ganze Schiller-Literatur ist zusammengestellt bei Goedeke, Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung V. 97— 237. Den sichersten Führer durch die reiche Literatur der letzten 12 Jahre bieten die Jahresberichte für neuere deutsche Literaturgeschichte, herausgegeben von Elias, Herrmann und Szamatélski, mit besonderer Unter- stützung von Er. Schmidt, wo die Erscheinungen der ersten Jahre von A. Koester, die der letzten von E. Müller gesichtet und besprochen sind. Vergl. auch des letzteren Regesten zur Schillerliteratur, Leipzig 1000; L. Hirzel, U. Sch's. Bez. z. Alt., Aarau 1872, Weltrich, Fr. Sch. B. I. und E. Wilisch, Sch.'s Verh. 2. d. beiden kl. Sp. in d. Neuen Jahrb. f. d. kl. Alt. 1004. I. Heft.


