Aufsatz 
Der Zeichenunterricht in der Realschule / [vom Gesang- und Zeichenlehrer Presber]
Entstehung
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II. Darſtellende(deſcriptive) Geometrie. (2 Stunden wöchentlich vom 12 13. Jahre.)

Während der Unterricht im geometriſchen Zeichnen veranſchaulicht, wie die in der Ebene liegenden Figuren conſtruirt werden, beſchäftigt ſich die darſtellende Geometrie mit der Darſtellung der Puncte, Linien, Flächen und Koͤrper im Raume, und zwar löſt ſie ihre Aufgaben dergeſtalt, daß in ihren Conſtructionen nach allen Seiten hin der Beſchauer einen deutlichen Begriff von der Geſtalt, Größe und Lage des projicirten Gegenſtandes erhält. Weishaupt ſagt in ſeiner vortrefflichen geometriſchen Projectionslehre:Sowie die geometriſchen Con⸗ ſtructionen in der Ebene(geometriſches Zeichnen) gleichſam das Alphabet der tech⸗ niſchen Sprache bilden, ebenſo iſt die Projectionslehre(darſtellende Geometrie) eigent⸗ lich als die Grammatik derſelben zu betrachten, und ſie iſt um ſo ſchätzenswerther, je gemein⸗ nütziger ihre Verbreitung ermöglicht, d. i., je mehr das Studium derſelben erleichtert und ſonach zugänglich fuͤr Jeden wird, der dieſer Sprache bedarf.

Auch iſt in der That die darſtellende Geometrie als Bildungsmittel für Künſtler und Handwerker längſt anerkannt und in Anwendung gebracht,*) und Niemand beſtreitet ihr mehr den Vorzug, neben der Schärfung des Verſtandes und der Anregung zum Selbſtdenken auch die Phantaſie in Thätigkeit und Uebung zu verſetzen und damit auch das Verſtändniß und die Würdigung der Werke bildender Kunſt bedeutend zu erleichtern.

Zur Veranſchaulichung und Unterſtützung des Unterrichts in der deſcriptiven Geometrie dienen hauptſächlich Modelle, die am Zweckmäßigſten von den Schülern und zwar aus ſtarkem Papier nachgebildet werden.

Was den Gang des Unterrichts anlangt, ſo beginnt dieſer mit der Erklärung der Pro⸗ jectionsebenen, der Projectionsachſe(Baſis), des Grund⸗ und Aufriſſes, der Seitenanſicht und Durchſchnitte. Darauf iſt an einem einfachen Gegenſtande die Stel lung des Auges zum Objecte, wie ſie die darſtellende Geometrie bedingt, nämlich beim Aufriß wagrecht vor und beim Grundriß ſenkrecht über jedem Punkte desſelben, ſo lange be greiflich zu machen, bis ſich der Schüler die nöthigen Begriffe über die Parallelprojection und deren Gegenſatz zur Perſpective, in welcher die Seheſtrahlen nicht parallel gedacht werden, erworben hat. Ohne länger bei Puncten, Linien und Flächen zu verweilen, läßt man die einfachen Körper: Würfel, Prismen, Cylinder, Pyramiden und Kegel in den ver⸗

2) N. Fialkowsky's zeichnende Geometrie(Conſtruetionslehre.) 2. Aufl. Mit 127 Tafeln. 1860. geb. 6 fl.(Unſtreitig das vollſtändigſte Werk.)

3) G. Müller's Linearzeichnen. Iſerlohn 1858. 1 Thlr.(Sehr vollſtändig.)

4) J. H. Kronauer's Anfangsgrunde des geometriſchen Zeichnens. Zürich. 1 fl. 56 kr.

5) G. Eberlein und F. Grünewald,der Werkzeichner. Ein Handbuch zum Zeichnen und Entwerfen der gothiſchen Maßwerke ꝛc. Nürnberg. 1 fl. 30 kr.

6) Otto Fiſcher's Muſterſammlung für das Linearzeichnen; geometriſche Ornamente im griechiſchen, ara⸗ biſchen und gothiſchen Styl mit Conſtructionen. Stuttgart. 1858. 5 Lieferungen, jede mit 12 Tafeln à 45 kr., ohne Tafeln für Schulen à 12 kr.

*) Caspar Monge(früher Scheerenſchleiferjunge) ſchuf als ſyſtematiſch durchgebildete Wiſſenſchaft 1768 die geometrie déscriptive. 14 Jahre lang nach der Erfindung durfte er weder mündlich noch ſchriftlich Etwas anderweitig bekannt machen, als nur den adeligen Zöglingen der Militairſchule zu Mézières. Creizenach gab das erſte deutſche Buch über deſeriptive Geometrie heraus(Anfangsgründe der darſtellenden Geo⸗ metrie. Mainz 1821).

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