Aufsatz 
Erklärung deutscher Redensarten / von August Preime
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

Auch Lenau ſagt in ſeinem Gedicht: der Poſtillon:

Schwager fuhr auf ſeiner Bahn ꝛc.

Wie nun gerade der Poſtillon dazu kommt, Schwager genannt zu werden, erklärt uns eine Stelle in Goethes Wahrheit und Dichtung.(Band 22, p. 155 ꝛc. ꝛc.) Goethe erzählt da, wie verſchieden die Wirkung geweſen ſei, welche das Erſcheinen ſeines Götz von Berlichingen auf die Leſerkreiſe gemacht habe. Einige hatten den Verfaſſer getadelt, weil er das Fauſtrecht mit zu günſtigen Farben geſchildert hätte; andere hatten ihn für einen grundgelehrten Mann gehalten, andere wiederum ſeine Gelehrtheit und gründliche Sachkenntniß bezweifelt. Von letzterer Auffaſſung berichtet er folgende Geſchichte. Ein angeſehener Geſchäftsmann beſucht Goethe, lobt ſeine gute Einſicht in die deutſche Geſchichte, bemerkt aber zugleich, daß Götz kein Schwager von Franz von Sickingen geweſen ſei, daß alſo durch das poetiſche Ehebündniß zwiſchen Marie von Berlichingen und Franz von Sickingen gegen die Geſchichte ver⸗ ſtoßen ſei. Goethe ſuchte ſein Verfahren dadurch zu rechtfertigen, daß Götz in ſeiner eigenen Lebensbeſchreibung be⸗ kanntlich die Quelle, aus welcher Goethe ſeinen Stoff ſchöpfte den Sickingen Schwager nenne. Allein der Be⸗ ſucher belehrte ihn, daß dieſes eine Redensart ſei, welche nur ein näheres, freundſchaftliches Verhältniß ausdrücke, wie man ja in der neueren Zeit die Poſtillone auch Schwager nenne, ohne daß ein Familienband ſie an uns knüpfe. Bei der Vertrautheit, die unter Reiſenden überhaupt ſchneller als ſonſt zu entſtehen pflegt, und die bei der früheren Art mit der Poſt zu reiſen erſt recht entſtehen mußte; auch bei dem Intereſſe, das Jeder hatte, mit dem Poſtillon auf gutem Fuß zu ſtehen, läßt ſich der Urſprung einer ſolchen mehr vertraulichen, innigen Anrede leicht begreifen.

Schwager, ſagt Adelung, bedeutet im weiteren Verſtande einen jeden nahen Verwandten, beſonders einen durch Heirath; dieſe Bedeutung ſei jetzt veraltet, und in engerer, im Hochdeutſchen allein üblicher Bedeutung ſei Schwager des Mannes oder der Frau Bruder, der Schweſter Mann und der Mann der Schweſter der Frau. Vilmar(Iioticon) erwähnt unter Schwager: InL. Philipps Reformation von 1527 kommt neben Schwager noch ein naher Schwager vor, deſſen Bedeutung, da dieſe Bezeichnung mir ſonſt nicht vorgekommen iſt, ich nicht kenne. Vielleicht erklärt ſie ſich durch die weitere und engere Bedeutung des WortesSchwager.

Bezüglich des weiteren Umfangs, den einzelne Verwandtſchaftsbezeichnungen haben, kann hier noch angeführt werden, daß Cholevius in ſeiner Abhandlungdie Verkehrsſprache in Sophien's Reiſe von Memel nach Sachſen ſagt: Gute Bekannte nannten einander: Lieber Herr Gevatter, liebe Frau Gevatterin, wozu gerade nicht nöthig war, daß ſie durch eine Kindtaufe in Beziehung gekommen.

Auch in Briefen, welche Fürſten untereinander wechſeln und in denen ein mehr ceremonieller Ton ange⸗ ſchlagen wird, kommt die Anrede vor:Freundlieber Bruder, Vetterf und Schwager, ohne daß der oben an⸗ gegebene Verwandtſchaftsgrad zwiſchen ihnen beſteht.

Den Kuhfuß tragen

heißt das Gewehr tragen, alſo Soldat ſein. Scheube in:Aus den Tagen unſerer Großväter gibt fol⸗ gende Erklärung in dem Kapitel: Unter der Fahne p. 254.Zu allen dieſen Mißſtänden im preußiſchen Heer gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, denke man ſich noch eine höchſt mangelhafte Bewaffnung, die lediglich auf einen blendenden Augenſchein, nicht auf den Zweck der Sache abzielt. Die Gewehre des Fußvolkes haben eine gerade Schaftung und einen kleinen Kolben, damit ſie ſich um ſo beſſer ſenkrecht tragen laſſen; man hat ihnen darum den noch heute nicht vergeſſenen SpottnamenKuhfüße beigelegt.

Kuhfuß iſt nach Grimm auch eine Eiſenſtange mit einem Kuhfuß ähnlichem, geſpaltenem Obertheil, ferner war das Wort als Soldatenwitz ähnlich wie Kuhbein für Flinte gebraucht. Er führt aus denJugenderinnerungen von Parthey(II. 246) an: Unſer kurzes Gewehr wog nicht ſo viel als die Infanterieflinte, die man damals, 1818, weden deſern des Kolbens mit dem NamenKuhfuß belegte. Auch inDitfurth, fränkiſche Volkslieder 2. 164 b, heißt es:

Halb barfuß und zerriſſen, Den Kuhfuß weggeſchmiſſen, So zogen wir durch's Land.

Woher es komme, daß der StudentBruder Studio genannt werde, erzählt gleichfalls Scheube in dem obengenannten Buch p. 174. Als der Gründer der Uni⸗

1