§. 1. Einleitung.
Die vergleichende Syntax der indogermanischen Sprachen ist bekanntlich ein Gebiet, auf dem erst in der neuesten Zeit zusammenhängende Untersuchungen angestellt worden sind, und das begreiflicherweise dem Forscher noch weit grössere Schwierigkeiten in den Weg legt, als die ver- gleichende Formenlehre. Denn diese letztere hat es immerhin cher mit concretem und greifbarem Stoff zu thun, während die Syntax aus der unendlichen Mamnichfaltigkeit des Gebrauchs das Ur- sprüngliche und den indogermanischen Sprachen Gemeinsame zu abstrahiren hat. Sie wird sich hierbei ohne Zweifel auf die Resultate der etymologischen Untersuchungen zu stützen haben, zugleich aber ist es ihre Aufgabe, die Richtigkeit derselben durch die ausgedehnteste Beobachtung des lebendigen Sprachgebrauches zu prüfen. Es übersteigt nun selbstverständlich die Kräfte des Einzelnen, die nothwendigen Beobachtungen und Sammlungen an der vorliegenden Literatur auch nur einer der hierher gehörigen Sprachen vorzunehmen, vielmehr werden sich die Meisten, welche diesem interessanten und wenig angebauten Felde ihre Thätigkeit widmen, auf Special-Unter- suchung einzelner Capitel der Syntax und Special-Beobachtung einzelner Schriftsteller zu beschränken haben. Für die Forschungen der vergleichenden Syntax kommen nun ohne Zyveifel vorzugsweise die ältesten Denkmäler der Literatur in Betracht, da man sicher sein kann, die ursprünglichsten Gebrauchsweisen in ihnen zu finden und so den Grundbedeutungen der Wort- und Satzformen näher zu kommen. 1
In der griechischen Literatur werden demnach hauptsächlich die homerischen Gedichte der Gegenstand der Beobachtungen sein müssen, wenn es auch sehr wohl möglich ist, dass sie nicht in jeder einzelnen Hinsicht die ursprünglichsten Gebrauchsweisen der griechischen Sprache zeigen. Im Allgemeinen ist es gewiss richtig, Homer als die Hauptquelle für die Untersuchungen der histo- rischen Syntax anzusehen.
Die homerischen Fragesätze, deren Construction ich zum Gegenstand einer eingehenden Unter- suchung und speciellen Darlegung zu machen beabsichtige, sind in mehrfacher Beziehung von besonderem Interesse. Sie geben öfters überraschende und interessante Belege für die älteste Bedeutung der Tempus- und Modusformen und lassen besonders in Bezug auf das Verhältniss der Selbständigkeit oder Abhängigkeit Schlüsse auf die älteste Art der Satzverbindungen überhaupt ziehen, die für die Erkenntniss des Werdens der späteren complicirten Satzconstructionen sowie für die Vergleichung mit dem Satzbau anderer Sprachen von besonderer Wichtigkeit rind. Für das


