Aufsatz 
Über den Wert der beiden Oberklassen unserer Anstalt für die bürgerliche Berufsvorbildung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

33 C. Schulzucht.

Die im vorigen Jahresberichte angeregten Bemerkungen haben auch jetzt ihre Bedeutung noch nicht verloren, obwohl ſich Manches gebeſſert hat. Willkührliche Schulverſäumniſſe auf Geheiß der Eltern ſind faſt nicht mehr vorgekommen; dagegen haben einige Schüler den Ver⸗ ſuch gemacht, wider Wiſſen und Willen der Eltern den Schulunterricht zu umgehen. Wir erinnern deßhalb die Angehörigen und Koſtgeber daran, daß die Lehrer ſtreng darauf halten müſſen, womöglich noch im Laufe deſſelben Vor⸗ oder Nachmittags von dem Grund der Ver⸗ ſäumniß ſchriftlich oder durch perſönliche Mittheilung Kenntniß zu erhalten. Auch Dispenſa⸗ tionen vom Unterrichte für einzelne Stunden oder halbe und ganze Tage ſind ſeltener verlangt worden; ſie werden von der Schule aus durch den Rector nur bei ganz gerechtfertigten Ver anlaſſungen und z. B. in der Regel niemals bloß zum Zwecke der Theilnahme an einem ge⸗ ſellſchaftlichen Vergnügen des Hauſes ꝛc. und nur auf perſönliches oder ſchriftliches Verlangen der Eltern ertheilt. Es muß ein Geſetz des Hauſes ſein, die Knaben vor Allem ihren Schularbeiten zu überlaſſen und ſie nur mit äußerſter Vorſicht und Sparſamkeit zu anderen Geſchäften zu verwenden. Niemand kann zweien Herren dienen, und der Knabe iſt nur zu geneigt, in irgend einem Geheiß des Vaters oder der Mutter einen Vorwand zur Verſäumniß ſeiner Schularbeiten zu finden. Bei dem Anblick von Kopf und Händen, Kleidern und Wäſche iſt in mir öfter der Wunſch rege geworden, es möge ein reichlicherer Gebrauch von Kamm und Bürſte, Seife und Waſſer gemacht werden. Der Einfluß der körperlichen Rein⸗ lichkeit auf die geſammte äußere Ordnung und innere Haltung iſt von der größten Wichtigkeit; abgeſehen davon, daß ein unreinlicher Knabe ſich ſelbſt von dem Umgang der beſſeren Schü⸗ lern ausſchließt, iſt er auch wenig einladend für den Lehrer, ihm eine liebevolle perſönliche Sorgfalt zu widmen. Bemerkenswerth iſt immer noch die Verderbniß der Sprache im Munde der Schüler, namentlich, wo ſie ſich in freier und unbewachter Unterhaltung bewegen. Wir meinen nicht etwa allein die einheimiſche Sprechweiſe in ihrer unterwüchſigen Färbung, vielmehr noch die Miſchung der Sprache mit gaſſenhaften Wortbildungen und den wilden Unkräutern der Fluch⸗ und Schimpfreden. Keine Familie ſollte auch nicht einmal im Scherze, oder wo es ohne Arg aus Nachahmungstrieb und Uebermuth geſchieht, ſolche Unziemlichkeiten ungetadelt hingehen laſſen. Den Knaben reizt Anfangs nur der volltönende Mißklang des Wortes, aber er wird bald auch den rohen Gehalt zu ergründen ſuchen. Auch können wir nicht genug empfehlen, daß bei allen Gelegenheiten auf höfliche, anſtändige, beſcheidene und zuvorkommende Manieren der Kinder im Betragen zu Hauſe und im Umgang mit den Fami⸗ liengliedern und Erwachſenen überhaupt recht ſtreng gehalten werde. Es gehört dahin na mentlich die mit Eigenſinnigkeit gemiſchte Gewohnheit, bei einem Befehl oder Tadel noch Et⸗ was dazwiſchenreden, empfindlich auffahren und das letzte Wort haben zu wollen. Hinter dem Gebote des Vaters muß ein Punktum ſein; und durch beſcheidenes und ehrfurchtsvolles Schweigen muß der Knabe unerſchütterliche Autorität achten lernen. Der Befehl ſei kurz; der Gehorſam ſchnell. Die Sucht, Ausflüchte und leere Entſchuldigungen vorzubringen iſt vom Uebel; ſie iſt, wo ſie zugelaſſen wird, ein Beförderungsmittel der Lüge und Unaufrichtigkeit.

Wir fordern auch in dieſem Jahre die Eltern recht dringend auf, ſich in den Angelegen⸗ heiten der Kinder vertrauensvoll an uns zu wenden, und ſind denen dankbar, welche es bisher gethan haben. Es giebt kein beſſeres Mittel, die Erziehung der Kinder zu fördern, als wenn

5