Aufsatz 
Über den Einfluß der Erziehung auf Charakterbildung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

418

Bildung iſt. Und verſchaffen wir unſern Kindern dieſe ſittliche Bild⸗ ung, ſo bedarf es keines abſichtlichen Einfluſſes auf Haltung und An⸗ ſtand, keiner Abrichtung. Iſt durch Unterricht des Kindes Herz empfänglich gemacht für alles Gute und Schöne, iſt ihm Achtung vor der Menſchenwürde tief eingeprägt, ſo wird es Antipathie haben gegen alles Gemeine und Unanſtändige, ſo wird der Anſtand feſten Boden bei dem Kinde gewinnen. Wahre Herzens⸗ und Charakterbildung ver⸗ trägt ſich nicht mit Rohheit und Unanſtändigkeit!Unſere Kinder be⸗ dürfen zu einer ſchönen Haltung der Aufhülfe durch Kunſt nicht. Sie iſt das angenehme Product einer ungeſtörten, harmoniſch entfalteten Natur ¹). Die innere Bildung ſei uns das erſte, dann wird die äu⸗ ßere ſchon von ſelbſt kommen ²).

Dem Unterrichte, ſo er nicht blos Wiſſen und Können, ſondern Herzens⸗ und Charakterbildung zum Ziele hat, kann mithin in Bezug auf Pflege des Anſtandes, der Convenienz, dieſen für Manchen geltenden Gradmeſſer der Bildung der indirekte Einfluß, der eben die wahrhafte Erziehung zum Anſtande ausmacht, keineswegs abgeſpro⸗ chen werden. Unſere Schulen behaupten mit vollem Rechte, wenn ſie ſich auch nicht Erziehungsanſtalten nennen, ihren bildenden Einfluß auf die Erziehung der Kinder.

Verſuchen wir nun, was wir uns als Hauptaufgabe geſetzt, den Einfluß der Schule auf die Bildung der Charakterfeſtigkeit näher in's Auge zu faſſen.

Wiſſen und Können iſt nicht letzter Zweck einer guten Schule. Der Endzweck iſt das Wollen, das nach beſtimmten Grundſätzen ſich regelnde kräftige Handeln, das unausgeſetzte, feſte Streben, dieſe Grund⸗ ſätze im Leben zu verwirklichen 3). Es iſt Aufgabe der Schule, das Kind zum kräftigen Thun, zur Selbſtthätigkeit zu erziehen; es iſt Auf⸗ gabe der Schule, des Kindes Kraft zu üben, die geiſtige Thätigkeit ſo zu erfaſſen, daß das Kind ſich froh derſelben bewußt werde und dieſer

¹) Rudolphi. ²) Wie oft dieſe Regel umgekehrt wird, wie man das Höchſte der Mode und Convenienz zum Qpfer bringt und dadurch die Kinder zur Eitelkeit und Heuchelei erzieht, iſt eine traurige, hinlänglich bekannte Erfahrung. ³)Der Werth des Menſchen liegt nicht im Wiſſen, ſondern im Wollen. Herbart.